Nagy, Imre

bearbei­tet von
György Dalos

Ungarn 1956–1958
Landes­ver­rat, Sturz der Volks­de­mo­kra­tie,
Ungarn­auf­stand, Warschau­er Pakt

PDF Download

Der Prozess gegen Imre Nagy
Ungarn 1956–1958

Imre Nagy (1896–1958) entstamm­te einer Bauern­fa­mi­lie aus Südwest­un­garn. Seine Eltern arbei­te­ten jedoch bereits bei der Stadt­ver­wal­tung Kapos­vár: der Vater als Kutscher, die Mutter als Dienst­bo­te. Er selbst musste wegen Armut seinen Schul­be­such abbre­chen und wurde zum Maschi­nen­schlos­ser ausge­bil­det. Als Wehrpflich­ti­ger wurde er 1914 in die k. u. k. Armee einbe­ru­fen, kämpf­te an der italie­ni­schen bzw. russi­schen Front und geriet nach einer Verwun­dung in russi­sche Gefan­gen­schaft.

Imre Nagy, Fotograf FORTEPAN, © s.u.

Unter dem Einfluss der Oktober­re­vo­lu­ti­on trat Nagy 1918 der von ungari­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen des sibiri­schen Lagers Beresow­ka gegrün­de­ten sozial­de­mo­kra­ti­schen Partei bei, die zuneh­mend bolsche­wis­tisch agier­te. Nach Rückkehr, 1920, wurde er in Kapos­vár Versi­che­rungs­be­am­ter, setzte jedoch gleich­zei­tig die illega­len kommu­nis­ti­schen Aktivi­tä­ten fort und verlor seine Stelle, 1927 wurde er sogar für kurze Zeit inhaf­tiert. Da er bereits verhei­ra­tet war und seine Frau das erste Kind erwar­te­te, ging er auf Vorschlag seiner Genos­sen nach Moskau, um in der Führung der dorti­gen ungari­schen KP zu arbei­ten: Aufgrund seiner Berich­te und seiner in der Exilpres­se veröf­fent­lich­ten Aufsät­ze galt er als Agrar­fach­mann und wurde für die Dorfar­beirt einge­setzt.

Ausge­rech­net wegen seines Spezi­al­ge­biets kam Imre Nagy zum ersten Mal in Konflikt mit der Partei­füh­rung: Diese hielt, wie fast alle damali­gen KPs, an ihrer Doktrin einer bevor­ste­hen­den Revolu­ti­on und Einfüh­rung der prole­ta­ri­schen Dikta­tur nach sowje­ti­schem Muster fest, während Nagy als Kenner der realen ungari­schen Gegeben­hei­ten eine lang anhal­ten­de Übergang­pha­se vom feudal gepräg­ten Kapita­lis­mus zum Sozia­lis­mus empfahl.

Diese These galt damals als „Rechts­ab­wei­chung“ und obwohl Nagy sich bereit zeigte, von den eigenen Ansich­ten Abstand zu nehmen, blieb seine Häresie in Kader­ak­ten festge­hal­ten. Er wollte sich offen­sicht­lich aus den wüten­den Frakti­ons­kämp­fen der KPU heraus­hal­ten und wechsel­te auf wissen­schaft­li­ches Terrain: Er wurde Mitar­bei­ter des Wirtschafts­in­sti­tuts der kommu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le. Danach arbei­te­te er als Redak­teur der ungari­schen Sendung des sowje­ti­schen Rundfunks.

Nagys Aufstieg begann eigent­lich erst nach dem Krieg, als die ungari­schen Exilkom­mu­nis­ten heimkeh­ren und sofort die Regie­rung bilden konnten. Da jedoch Stalins damali­gen Vorstel­lun­gen zufol­ge die „Volks­de­mo­kra­tie“ in Süsteu­ro­pa die Form einer sowje­tisch-kommu­nis­tisch dominier­ten, dennoch plura­lis­ti­schen Einrich­tung anneh­men sollte, erhielt er in der ersten antifa­schis­ti­schen Koali­ti­ons­re­gie­rung den Posten des Landwirt­schafts­mi­nis­ters und galt als Vater der Landre­form, der Auflö­sung des feuda­len Großgrund­be­sit­zes. Er war, sozusa­gen, das bäuer­li­che Gesicht der Partei. In diesen Jahren optier­te der Partei­funk­tio­när Nagy für seine alte Idee des lang anhal­ten­den Bestehens des Privat­sek­tors in der Landwirt­schaft und glaub­te sich mit der General­li­nie einig. Die Partei­füh­rung unter dem Altkom­mu­nis­ten Mátyás Rákosi plante jedoch, sicher nicht ohne Moskaus Inspi­ra­ti­on, die Kollek­ti­vie­rung. So wurde Nagy Ende 1948 zu einer demüti­gen­den Selbst­kri­tik gezwun­gen und später, mit der Etablie­rung der Dikta­tur, zum Minis­ter für „Erfas­sung“ – praktisch Requi­si­ti­on – der dörfli­chen Produk­ti­on und ökono­mi­schen Ausbeu­tung der „Gross­bau­ern“ ernannt. Er musste also, entspre­chend der Partei­dis­zi­plin, das Gegen­teil dessen verwirk­li­chen, von dem er überzeugt war. Das alles ließ er klaglos über sich ergehen.

Die Geburts­stun­de von Imre Nagy als Politi­ker kam erst kurz nach Stalins Tod. Auf geheim dienst­li­chen Kanälen erreich­ten die sowje­ti­sche Partei­fuhrung beunru­hi­gen­de Berich­te über die Zustän­de in Ungarn. So wurde im Juni 1953 eine hohe Partei­de­le­ga­ti­on aus Budapest und Moskau beordert. Ihre ätzen­de Kritik betraf Verfeh­lun­gen in der Wirtschafts­pla­nung, vor allem Vernach­läs­si­gung des Konsums zuguns­ten der Indus­trie, die äußerst gewalt­sa­me Kollek­ti­vie­rung, die ungemein hohe Zahl der politi­schen Gefan­ge­nen und Inter­nier­ten sowie Rákosis Perso­nen­kult – allesamt Phäno­me­ne, welche noch kurz zuvor Moskaus Billi­gung gefun­den hatten. Mögli­cher­wei­se wollte der Kreml eine Art Pilot­pro­jekt der eigenen, bereits beabsich­tig­ten Refor­men in dem Bruder­land starten. Als perso­nel­le Konse­quenz aus der bishe­ri­gen Lage empfah­len sie die Teilung des höchs­ten Partei- und Regie­rungs­pos­tens: So sollte Rákosi Partei­chef bleiben und Imre Nagy die Regie­rungs­ge­schäf­te überneh­men. Und da Moskaus Vorschlä­ge eigent­lich als Ukas galten, entschied sich der Partei­vor­stand gleich nach der Rückkehr der Delega­ti­on zu einem „neuen Kurs“. Da es lmre Nagy war, der diesen neuen Kurs als erster im Parla­ment verkün­de­te, wurde er in seiner Funkti­on als neuer Minis­ter­prä­si­dent, ohne es zu wollen, zum Hoffnungs­trä­ger aller sozia­len Schich­ten, die unter dem staat­li­chen Terror litten.

Von diesem Moment an entfal­te­te sich eine einma­li­ge Dynamik: Hunder­te von LPGs wurden von den Bauern aufge­löst, Lager- und Gefäng­nis­in­sas­sen wurden nach und nach in Freiheit entlas­sen, die staat­li­che Zensur im kultu­rel­len Bereich gelockert. Die Verän­de­run­gen berühr­ten aller­dings nicht die Grund­la­gen des Systems: Die ungeteil­te Macht der KP und die allge­mei­ne Präsenz der Geheim­po­li­zei. Umso radika­ler wirkten sie sich auf die Atmosphä­re aus. Für Rákosi und seine Gefolg­schaft war selbst das zu viel. Am meisten Angst hatten sie vor der Überprü­fung der Schau­pro­zes­se der späten vierzi­ger und frühen fünfzi­ger Jahre, vor allem der durch zahlrei­che Todes­ur­tei­le abgeschlos­se­nen Prozes­se gegen László Rajk und seiner Schick­sals­ge­fähr­ten, sowie die Rehabi­li­tie­rung der noch leben­den Opfer, wie etwa János Kádár. Rákosi, der an der Vorbe­rei­tung dieser inqui­si­to­ri­schen, durch extre­me Folter ermög­lich­ten Verfah­ren persön­lich betei­lig gewesen war, fürch­te­te nun die Folgen. Um die Erosi­on seiner eigenen Macht zu stoppen, wollte er um jeden Preis Imre Nagy aus dem Weg räumen. In diesem Spiel besaß er die besse­ren Karten –  vor allem hervor­ra­gen­de Kontak­te in Moskau –, während der Minis­ter­prä­si­dent mit seinen Loyali­täts­hem­mun­gen gegen­über der Partei von Anfang an zum Schei­tern verur­teilt war. Rákosi gelang es, Nagy zunächst von seinem Posten zu entfer­nen, und ihn dann, indem er ihm die zuneh­mend opposi­tio­nel­len Regun­gen ankrei­de­te, aus der Partei auszu­schlie­ßen. Nun galt Nagy offizi­ell als Unper­son, obwohl er von einem Kreis getreu­er Reform­kom­mu­nis­ten umgeben war. Er dachte nicht daran, Selbst­kri­tik zu üben und formu­lier­te seine Thesen in mehre­ren, für seine Anhän­ger vorbe­rei­te­ten Aufsät­zen. Diese forder­ten bereits eine Umgestal­tung des staat­li­chen Lebens und nicht zuletzt wachsen­den Spiel­raum der Volks­re­pu­blik gegen­über Moskau.

Dennoch half dem Dikta­tor die Verban­nung seines Rivalen von der politi­schen Bühne nicht mehr. Chruscht­schows Enthül­lun­gen der Stalin­schen Verbre­chen auf dem 20. Partei­tag der KPdSU im Febru­ar 1956 erschüt­ter­ten seine Lage von Grund auf. Einer­seits befand er sich in einer hoffnungs­lo­sen Konfron­ta­ti­on mit der intel­lek­tu­el­len Elite des Landes und den Reform­kräf­ten inner­halb der Partei, die die konse­quen­te Rehabi­li­tie­rung seiner Opfer sowie Imre Nagys Rückkehr forder­ten, anderer­seits wurde er selbst für Moskau unhalt­bar. Im Juli 1956 wurde er von den Sowjets abgelöst und bis zu seinem Tod 1971 in die UdSSR verbannt.

Die offizi­el­le Neube­stat­tung Rajks und anderer „Opfer des Perso­nen­kults“ wandel­te sich in eine Massen­de­mons­tra­ti­on gegen das Regime. Nagy selbst wurde einige Tage später bereits wieder in die Partei aufge­nom­men, ohne zunächst irgend­ei­ne Positi­on zu erhal­ten.

Die anfäng­lich fried­li­che Demons­tra­ti­on der studen­ti­schen Jugend und der Arbei­ter am 23. Oktober 1956 brach­te die Partei­füh­rung in Zugzwang. Zunächst baten sie Moskau dringend um militä­ri­sche Hilfe, dann wandten sie sich an Imre Nagy, damit er nun wieder als Regie­rungs­chef die Rolle des Feuer­wehr­manns spiel­te. Es war zu spät. Als Nagy gegen zehn Uhr Abends den Sitz des Zentral­ko­mi­tees betrat, stürz­ten Demons­tran­ten bereits das Stalin­denk­mal und began­nen den Sturm auf das Rundfunk­haus, bei dem es die ersten Todes­op­fer gab. Einige Demons­tran­ten waren in Besitz von Waffen aus dem Arsenal gelangt und gegen Mitter­nacht entstan­den die ersten Gruppen von Aufstän­di­schen. Hinge­gen erreich­ten die sowje­ti­schen Panzer die Haupt­stadt wegen des dichten Nebels erst in den frühen Morgen­stun­den. Ihre Ankunft brach­te den soeben neu ernann­ten Minis­ter­prä­si­den­ten in eine Zwick­müh­le.

Als loyales Partei­mit­glied koope­rier­te er zunächst mit dem Zentral­ko­mi­tee und den aus Moskau geschick­ten Emissä­ren, Mikojan und Suslow, was seiner Glaub­wür­dig­keit in den Augen der rebel­li­schen Straße schade­te. Zugleich erkann­te er, dass die Beruhi­gung der Bevöl­ke­rung in Anwesen­heit der sowje­ti­schen Truppen und bei fortge­setz­tem Blutver­gie­ßen nicht denkbar war und versuch­te, die Moskau­er Führung in diesem Sinne zu beein­flus­sen, was ihn wieder­um für Moskau zuneh­mend suspekt machte. Da das militä­ri­sche Eingrei­fen zunächst erfolg­los blieb – die Panzer­ein­hei­ten eigne­ten sich schlecht für Straßen­kämp­fe –, entschied sich der Kreml am 29. Oktober zu einem Auszug aus der Haupt­stadt, was von den Aufstän­di­schen als eigener Sieg missver­stan­den wurde. Es trat ein Waffen­still­stand ein. In der neuen Situa­ti­on musste jedoch Imre Nagy Zugeständ­nis­se machen, die weit über seine ursprüng­li­chen Pläne hinaus­gin­gen: Die Wieder­her­stel­lung des Mehrpar­tei­en­sys­tems und die Auflö­sung der Staats­si­cher­heits­or­ga­ne. Als er dann die ersten Nachrich­ten über neue sowje­ti­sche Truppen­be­we­gun­gen erhielt, wagte er eine Flucht nach vorne, verkün­de­te den Austritt Ungarns aus dem Warschau­er Vertrag und die Neutra­li­tät des Landes. Der Kreml reagier­te zuerst auswei­chend und schick­te sogar eine Militär­de­le­ga­ti­on, um über die Modali­tä­ten des Auszugs der Sowjet­trup­pen aus dem Lande zu verhan­deln. Tatsäch­lich ließen die Sowjets zu diesem Zeitpunkt Nagy fallen und führten Geheim­ver­hand­lun­gen in Moskau mit dem KP-Führer und Staats­mi­nis­ter der Nagy-Regie­rung, János Kádár, der bereit war, an der Spitze einer „Revolu­tio­nä­ren Arbei­ter- und Bauern­re­gie­rung“ den Einmarsch und die Zerschla­gung der Aufstän­di­schen zu legiti­mie­ren.

Während die sowje­ti­schen Panzer sich am 4. Novem­ber bereits dem Parla­ments­ge­bäu­de näher­ten, in dem Nagy und seine Ehefrau seit Tagen auch wohnten, hielt der Minis­ter­prä­si­dent seine letzte Rundfan­spra­che: „Sowje­ti­sche Truppen haben (…) zu einem Angriff auf unsere Haupt­stadt angesetzt, mit der eindeu­ti­gen Absicht, die gesetz­mä­ßi­ge, demokra­ti­sche Regie­rung (…) zu stürzen. Unsere Truppen stehen im Kampf. Die Regie­rung ist auf ihrem Platz.“ Der letzte Satz stimm­te höchs­tens für ein paar Minuten. Ein Mitstrei­ter teilte nämlich dem Minis­ter­prä­si­den­ten mit, der jugosla­wi­sche Botschaf­ter habe sich bereit erklärt, Nagy und all denje­ni­gen, die dieser nennen würde, Asylrecht zu gewäh­ren. Darauf­hin verließ Nagy das Parla­ment und fuhr mit einer Staats­ka­ros­se direkt zum Botschafts­ge­bäu­de. Weder ihn noch andere auf diese Weise Bevor­zug­ten, insge­samt vierzig Perso­nen, Erwach­se­ne und Kinder, hinder­ten die sowje­ti­schen Truppen am Auszug. Nagy und seine Anhän­ger ahnten nicht, dass es sich um ein abgekar­te­tes Spiel zwischen Chruscht­schow und Tito handel­te: Der jugosla­wi­sche Staats- und Partei­chef wollte mit diesem Schritt Imre Nagy ausschal­ten, um die Konso­li­die­rung der Regie­rung Kádár zu erleich­tern.

Einige Wochen später erlaub­te man der Nagy-Gruppe, die Botschaft zu verlas­sen und ungehin­dert nach Hause zu gehen. Statt­des­sen wurden sie von den Sowjets mit einem Flugzeug nach Rumäni­en trans­por­tiert, wo sie, isoliert von der Außen­welt und teilwei­se auch vonein­an­der, ihrem Schick­sal entge­gen­hof­fen oder ‑fürch­ten konnten. Die Entfüh­rungs­ak­ti­on wurde in der Öffent­lich­keit als angeb­lich freiwil­li­ges „Asyl“ in der Rumäni­schen Volks­re­pu­blik kodiert. Kádár, der Jugosla­wi­en gegen­über das freie Geleit schrift­lich zugesagt hatte, erklär­te am 26. Novem­ber bei einer Presse­kon­fe­renz: „Wir haben verspro­chen, kein Straf­ver­fah­ren gegen Imre Nagy und seine Freun­de wegen ihrer frühe­ren Sünden einzu­lei­ten, selbst wenn sie später diese zugeben. Wir halten uns an dieses Verspre­chen.“

Wie ernst die in Aussicht gestell­te Straf­frei­heit gemeint war, zeigten die darauf folgen­den Ereig­nis­se. Heute fällt die merkwür­di­ge Rechts­auf­fas­sung von Kádár auf. Erstens hätte selbst nach den damals gelten­den Geset­zen keine Regie­rung oder Parteif­tih­rung ein Straff­ver­fah­ren „einlei­ten“ dürfen, hierfür war allein die Staats­an­walt­schaft zustän­dig. Zweitens hätte niemand ein derar­ti­ges Verfah­ren behin­dern dürfen, hätten Straf­de­lik­te tatsäch­lich vorge­le­gen. In diesem Fall hätte unbedingt Ankla­ge erhoben werden müssen und etwai­gen Freispruch oder Straf­ver­scho­nung konnte nur das Gericht ausspre­chen. Kádárs State­ment zeugte jeden­falls davon, dass in dieser Zeit ein Konzept zum Imre-Nagy-Prozess noch ebenso fehlte, wie die entspre­chen­den Instruk­tio­nen für die formal zustän­di­gen Ermitt­lungs­be­hör­den.

In der Tat war die neue Führung noch außer­stan­de, einen politi­schen Prozess zu planen. Vielmehr suchte man nach wie vor die aktuel­len Schwie­rig­kei­ten zu meistern und die Produk­ti­on mitten in der Streik­wel­le weiter­hin funktio­nie­ren­den Arbei­ter­rä­te wieder in Gang zu bringen. Zwar lief bereits eine politi­sche Kampa­gne gegen Nagy und seine Gruppe, die jedoch darin eher als Oppor­tu­nis­ten und Feiglin­ge vorka­men, die angeb­lich durch ihre Schwä­che der „Konter­re­vo­lu­ti­on Tür und Tor“ geöff­net hatten. Anfang April I957 sprach Kádár vor dem Partei­vor­stand zum ersten mal davon, dass die Gruppe Nagy bewusst und „gemein­sam mit dem Imperia­lis­mus“ den Aufstand ausge­löst hatte, um die Macht zu erobern, d.h. sich eigent­lich eines Staats­streich­ver­suchs und Landes­ver­rats schul­dig gemacht hatte. Auf dieser Grund­la­ge erfolg­ten die Verhaf­tungs­be­feh­le gegen Imre Nagy, Ferenc Donáth und einige andere Mitglie­der der Rumäni­en­grup­pe, die am 9. April 1957 zum Zweck der Ermitt­lung nach Budapest gebracht wurden.

Das erste Problem bedeu­te­te die Zusam­men­set­zung des Perso­nen­krei­ses, die man bei dem Prozess als „Imre Nagy und Konsor­ten“ präsen­tie­ren sollte. Manche von ihnen befan­den sich bereits im Gefäng­nis und warte­ten auf das eigene Verfah­ren: So der Vertei­di­gungs­mi­nis­ter Pál Maléter, der Polizei­prä­si­dent Sándor Kopácsi und die Journa­lis­ten Miklós Gimes und Géza Loson­c­zy. Andere, wie Zoltán Tildy (bis 1948 führen­des Mitglied der Partei der Kleinen Landwir­te und Präsi­dent der Republik, 1956 Staats­mi­nis­ter in Imre Nagys Koali­ti­ons­re­gie­rung) befan­den sich noch auf freiem Fuß. Es stell­te sich die Frage, wie diese sehr unter­schied­li­chen Perso­nen gemein­sam in den Rahmen eines Verfah­rens hinein­pass­ten, wegen Handlun­gen, die sie in einer Regie­rung began­gen hatten, unter deren Mitglie­der auch János Kádár gewesen war. In manchen Fällen hat das persön­li­che Schick­sal den Perso­nen übel mitge­spielt: So war Gáza Loson­c­zy, einer der von Kádárs Presse am heftigs­ten attackier­ten Kandi­da­ten für die Ankla­ge­bank, in der Haft während der Zwangs­er­näh­rung gestor­ben. Ein anderer „Auser­ko­re­ner“, József Szilágyi, zeigte sich während des Verfah­rens derma­ßen unkoope­ra­tiv, dass man nicht wagte, ihn in den Fall einzu­be­zie­hen. Ihm wurde ein eigener Prozess gemacht, der mit der Höchst­stra­fe endete.

So oder so, die Ankla­ge­schrift war im August 1957 fertig und wurde nach Moskau gebracht – allein in der Frage des Straf­ma­ßes herrsch­te eine gewis­se Unsicher­heit, obwohl man sich in der Partei­füh­rung auf sieben Todes­ur­tei­le geeinigt hatte. Chruscht­schow verhielt sich zurück­hal­tend und plädier­te vor allem für die Verschie­bung des Prozes­ses: dieser sollte erst nach der Sonder­sit­zung der UNO über die „ungari­sche Frage“ statt­fin­den. Zu anderen Verschie­bun­gen kam es im Hinblick auf die italie­ni­schen Parla­ments­wah­len, bei denen die KPI um ihre Stimmen besorgt war. Ein begon­ne­ner Probe­pro­zess wurde im Febru­ar 1958 am zweiten Tag unter der vorge­täusch­ten Notwen igkeit von „Beweis­ergän­zung“ vertagt – die UdSSR starte­te soeben eine Abrüs­tungs­in­itia­ti­ve und wollte ihre Gipfel­di­plo­ma­tie ebenfalls nicht belas­ten. Im April 1958 besuch­te Chruscht­schow Ungarn – auch das war kein geeig­ne­ter Termin für eine Verhand­lung, die sicher mit einigen Todes­ur­tei­len enden würde. Die Verzö­ge­run­gen trugen maßgeb­lich zur Verschlech­te­rung des körper­li­chen und seeli­schen Zustands der Angeklag­ten bei, was nicht zuletzt dem Brechen ihres Willens dienen sollte.

Anderer­seits blieben die Verdäch­ti­gen während der Ermitt­lung von den für die frühen fünfzi­ger Jahre typischen Folter­me­tho­den verschont, sie hatten, wenn auch äußerst selten, Sprech­stun­den mit ihren Famili­en­an­ge­hö­ri­gen und konnten fallwei­se an sie Briefe schrei­ben. Da jedoch während der Ermitt­lung klar wurde, dass einige der Angeklag­ten, vor allem Nagy, die Schuld­fra­ge mit eindeu­ti­gem „Nein“ beant­wor­ten und sich gegen die Ankla­ge vertei­di­gen würden, dachte man an eine Geheim­ver­hand­lung. Diese fand zwischen dem 9. und dem 15. Juni 1958 statt.

Man achte­te auf die Formen der Prozess­ord­nung und selbst dieje­ni­gen Angeklag­ten, die sich für schul­dig bekann­ten, strit­ten einzel­ne Behaup­tun­gen der Ankla­ge ab. Beson­ders würde­voll verhielt sich Imre Nagy, der bereit war, die Verant­wor­tung für seine Mitstrei­ter zu überneh­men. Die Pflicht­ver­tei­di­ger nahmen im Rahmen des Mögli­chen ihre Aufga­be ernst, obwohl sie nur aus einer exklu­si­ven Liste kommu­nis­ti­scher Rechts­an­wäl­te gewählt werden durften. Hervor­ra­gend plädier­te Nagys Vertei­di­ger, Dr. Imre Bárd, der bereits während der Ära Horty illega­le Kommu­nis­ten vor Gericht vertre­ten hatte und zur Zeit des Nagy-Prozes­ses Vorsit­zen­der der Rechts­an­walt­kam­mer war. Der alte und bereits schwer­kran­ke Anwalt stell­te vor allem die von der Ankla­ge präju­di­zier­te Vorsätz­lich­keit von Nagys Handlun­gen in Frage. Er unter strich dagegen, dass sein Mandant jeder­zeit mit Einver­ständ­nis der höheren Gremi­en der Partei und Regie­rung gehan­delt und sein einzi­ges Ziel darin bestan­den hätte, vom sozia­lis­ti­schen System zu retten, was noch zu retten war. Bárd hatte mehre­re direk­te verba­le Zusam­men­stö­ße mit dem Richter Vida, der ihm sogar drohte, er könnte wegen „Verleum­dung der Partei“ einmal selbst auf der Ankla­ge­bank landen. Andere Anwäl­te versuch­ten die Taten und Motive ihren Mandan­ten zu relati­vie­ren. So behaup­te­te der Vertei­di­ger von Gimes, dass sein Mandant zu stark unter Nagys persön­li­chem Einfluss gehan­delt hätte und dass die von der Ankla­ge gefor­der­te Höchst­stra­fe in seinem Fall unange­mes­sen wäre.

Das Urteil verkün­dig­te der Richter Ferenc Vida. Drei von den acht Angeklag­ten wurden zum Tode verur­teilt, die anderen zur einer Gefäng­nis­stra­fe von fünf bis zwölf Jahren, bezie­hungs­wei­se lebens­läng­lich. Eine Revisi­on wurde ausge­schlos­sen. Die Todes­ur­tei­le wurden am nächs­ten Tag vollstreckt, die Leichen wurden zuerst im Gefäng­nis­hof, dann in einer entle­ge­nen Parzel­le des Kerepe­si-Fried­hofs verscharrt, alle unter Pseud­ony­men regis­triert, so etwa hieß Imre Nagy „Pirosch­ka“.

Inwie­weit können wir bei dem Verfah­ren gegen Nagy und seine Schick­sals­ge­fähr­ten von einem Schau­pro­zess sprechen? Einer­seits ist klar, dass die Ankla­ge und das Urteil ein ideolo­gisch konstru­ier­tes Sammel­su­ri­um bilde­ten und künst­li­che Zusam­men­hän­ge zwischen Gegeben­hei­ten geschaf­fen worden waren, die so nicht existier­ten. Man baute eine Verschwö­rungs­theo­rie auf, indem man Fehler, die bei der kompli­zier­ten Lage im Oktober/November 1956 fast unver­meid­lich gewesen waren oder Versäum­nis­se als bewuss­te krimi­nel­le Handlun­gen darstell­te. Zahlrei­che Zeugen wurden teils aus ihren Gefäng­nis­zel­len in Zivil­klei­dung vorge­führt und meinten mit Recht, dass ihre Aussa­gen ihr eigenes laufen­des Verfah­ren oder die Behand­lung in Haft beein­flus­sen würden.

Auch von außen kommen­den Zeugen war das Risiko ihres Auftritts bewusst.

Das alles erfuhr die ungari­sche Öffent­lich­keit erst nach der Wende 1988/1989.

Die Opposi­ti­on erzwang die Exhumie­rung und Neube­stat­tung der sterb­li­chen Überres­te der damals Hinge­rich­te­ten – nicht nur der lmre-Nagy-Gruppe, sondern all der ungefähr 250 Opfer der Rache­jus­tiz der späten fünfzi­ger Jahre. Die Trauer­fei­er am Helden­platz und das Begräb­nis an der Parzel­le 301 verlie­fen fried­lich und symbo­li­sier­ten gewis­ser­ma­ßen den Abschied von einer Epoche. Erst Jahre später konnte man die rekon­stru­ier­te Tonband­auf­nah­me des Prozes­ses öffent­lich anhören. Offen blieb aller­dings die Frage, inwie­weit der Irnre-NagyPro­zess und beson­ders die Todes­ur­tei­le von Moskau direkt verord­net, oder von der Partei­füh­rung bzw. Kádár selbst initi­iert worden waren. Jeden­falls bekann­te sich der Partei­chef bis zu seinem Tod im Juli 1989 zu seiner eigenen Verant­wor­tung.

Was die aktuel­le Bedeu­tung des Imre-Nagy-Prozes­ses für die Erinne­rungs­kul­tur in Ungarn angeht, können wir hier mit wenig guten Nachrich­ten aufwar­ten. Obwohl sich die 1988/89 entstan­de­ne Demokra­tie auf den Volks­auf­stand 1956 als ihre Tradi­ti­on und Imre Nagy als einen seiner Vorläu­fer bezog, spielt diese Erbschaft angesichts der konkre­ten Konstel­la­ti­on der ungari­schen Gesell­schaft eine sehr gerin­ge Rolle. Vielleicht ist es sogar so annehm­bar, jeden­falls besser, als die frühe­ren Versu­che, das Gedächt­nis des ungari­schen Oktobers in partei­po­li­ti­schen Kämpfen oder rein zeremo­ni­el­len Akten aufge­hen zu lassen. Hoffent­lich integriert einmal eine Demokra­tie, welche diese Bezeich­nung mehr verdient als die jetzi­ge, jene Tage und ihre Protago­nis­ten in ihre Vorge­schich­te.

 

Quellen und Litera­tur:

György Dalos: 1956. Der Aufstand in Ungarn. C. H. Beck, 2006.
János M. Rainer: Imre Nagy. Vom Partei­sol­da­ten zum Märty­rer des ungari­schen Volks­auf­stands. Schöningh, 2006.
Der Fall Imre Nagy. Eine Dokumen­ta­ti­on. Vorwort von Albert Camus. Kiepen­heu­er und Witsch. O. J.

Kristián Ungvá­ry: Der Umgang mit der kommu­nis­ti­schen Vergan­gen­heit in der heuti­gen ungari­schen Erinne­rungs­kul­tur, in: Günther Heyde­mann / Clemens Volln­hals (Hg.), Nach den Dikta­tu­ren. Der Umgang mit den Opfern in Europa, Schrif­ten des Hannah-Arendt-Insti­tuts für Totali­ta­ris­mus­for­schung, Bd. 59, Göttin­gen 2016, S. 189–208.
Alajos Dornbach: The secret trial of Imre Nagy, Westport 1994.
Wolfgang Madert­ha­ner / Hans Schafranek (Hg.): „Ich habe den Tod verdient“. Schau­pro­zes­se und politi­sche Verfol­gung in Mittel- und Osteu­ro­pa 1945–1956, Wien 1991.
Georg Hermann Hodos: Schau­pro­zes­se. Stali­sis­ti­sche Säube­run­gen in Osteu­ro­pa 1948–1954, Berlin 2001.

 

György Dalos                                 Febru­ar 2016

 

Zitier­emp­feh­lung:

Dalos, György: Nagy, Imre, in: Groenewold/ Ignor / Koch (Hrsg.), Lexikon der Politi­schen Straf­pro­zes­se, http://www.lexikon-der-politischen-strafprozesse.de/glossar/nagy-imre/, letzter Zugriff am TT.MM.JJJJ.

 

Abbil­dun­gen

Verfas­ser und Heraus­ge­ber danken den Rechte­inha­bern für die freund­li­che
Überlas­sung der Abbil­dun­gen.

Rechte­inha­ber, die wir nicht haben ausfin­dig machen können, mögen sich bitte
bei den Heraus­ge­bern melden.

©Hinwei­se

Origi­nal author: FOTO:FORTEPAN / Jánosi Katalin adomá­n­yo­zó
Retouched by: Rleven­te, Nagy Imre retouched, verän­der­te Größe, von www.lexikon-der-politischen-strafprozesse.de, CC BY-SA 4.0