Davis, Angela

bearbei­tet von
Dr. Johan­na Meyer-Lenz

USA 1970–1972
Unter­stüt­zung eines Befrei­ungs­ver­suchs
von George Jackson,
Soledad Brothers, Black Panther

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Der Prozess gegen Angela Davis
USA 1970–1972

1. Prozess­be­deu­tung / Prozess­ge­schich­te

Der Prozess des kalifor­ni­schen Volkes gegen Angela Yvonne Davis, “The People of the State of Califor­nia v. Angela Y. Davis, Case Number Nr. 52613“, vor dem Obers­ten Gericht in San José unter der Leitung des Richters Richard E. Arnason vom 27. Febru­ar 1972 bis zum 4. Juni 1972 zählt zu den weltweit bekann­tes­ten politi­schen Prozes­sen der Ära der schwar­zen Befrei­ungs­be­we­gung in den USA. Im öffent­li­chen kultu­rel­len Gedächt­nis der Verei­nig­ten Staaten verblieb er, wie Carole Alston anmerkt, als der “trial of the centu­ry”, als Prozess, “which has had non paral­lel in Ameri­can judici­al histo­ry“ (Alston 1972, S. 45 u. S. 47), während John A. Floyd den inter­na­tio­na­len Bekannt­heits­grad der Beschul­dig­ten wie den skanda­lö­sen Prozess­cha­rak­ter hervor­hebt: The “case of the young UCLA profes­sor has become the most widely-publi­ci­zed politi­cal trial in decades — and perhaps the most notorious prose­cu­ti­on of a promi­nent Black ever […]”(Floyd 1972, S. 55).
Für die Vertei­di­ger von Angela Davis waren der Rassis­mus und die nach wie vor wirksa­men Merkma­le aus den Zeiten der Sklave­rei eine wesent­li­che politi­sche Dimen­si­on des Prozes­ses. “The case is basical­ly a politi­cal prose­cu­ti­on“, so Howard Moore in einem Inter­view aus dem Jahr 1972. “I belie­ve that most of all Blacks are politi­cal prisoners, becau­se it’s the politi­cal decisi­on of this system that Blacks should get the short end of the stick“ (Moore in: Floyd 1972, S. 64).

Der Prozess fand in einem Moment der Trans­for­ma­ti­on der Ära des Black Libera­ti­on Movement statt. Die Epoche eines politisch libera­le­ren Klimas auch zuguns­ten der African Ameri­cans in den USA ging spätes­tens mit dem Antritt der Präsi­dent­schaft von Ronald Reagan im Jahre 1981 zu Ende (Finzsch 1999, S. 518–544). Der „Triumph der Rechten begüns­tig­te das Wieder­auf­le­ben eines Rassis­mus, den viele längst erledigt glaub­ten, und führte zu mehr rassis­ti­scher Gewalt als zuvor“ (Finzsch 1999, S. 544–545).

Zum anderen erhält der Prozess seinen Platz in der breite­ren politi­schen Ausein­an­der­set­zung in den USA in den Zeiten des Kalten Krieges zwischen dem bürger­lich konser­va­ti­ven Lager und der Linken, als deren Sammel­be­cken die CPUSA galt. Der Prozess war aufge­la­den durch die seit Ende der 1960er Jahre wachsen­de Bedeu­tung einer linken, die rassi­schen Grenzen überschrei­ten­den Sammlungs­be­we­gung in den USA, die von der Civil Rights-Bewegung, der Black-Panther-Bewegung, der Studen­ten­be­we­gung und der Anti-Vietnam-Kriegs-Bewegung ein breites Spektrum umfass­te, die für das Ende von Rassis­mus, Kolonia­lis­mus in der sogenann­ten Dritten Welt eintrat und eine Abwen­dung von dem weltwei­ten Dominanz­be­stre­ben der USA und ihrer Verbün­de­ten und ihrer Koloni­al­po­li­tik forder­te. Verlie­fen die Fronten vielfach an den bekann­ten Schei­de­li­ni­en des Ost-West-Konflik­tes des Kalten Krieges, so enthielt der Fall Angela Davis auch ein Poten­ti­al zur Auflö­sung starrer politi­scher Feind­bil­der jenseits der ideolo­gisch-politi­schen Graben­li­ni­en des Ost-West-Konflik­tes.
Zur weltwei­ten Verbrei­tung des Falles und zu dem hohen inter­na­tio­na­len Bekannt­heits­grad trug das Natio­nal United Commi­tee to Free Angela David (NUCFAD) als groß angeleg­te natio­na­le und inter­na­tio­na­le Bewegungs­kam­pa­gne bei.

Inter­na­tio­nal konnte das NUCFAD weltweit die Netze der Organi­sa­tio­nen der jewei­li­gen Kommunistischen/Sozialistischen Partei­en nutzen, was der Kampa­gne in den sozia­lis­ti­schen Staaten, insbe­son­de­re in Kuba, der SU, der DDR, sowie fast allen europäi­schen Staaten zu einer großen Popula­ri­tät verhalf (Stern 1971).

2. Perso­nen

a) Die Angeklag­te
Angela Yvonne Davis wird am 26. Febru­ar 1944 als ältes­tes der vier Kinder des Ehepaa­res Sallye Bell Davis und B. Frank Davis in Birmingham/Alabama (USA) geboren. Die Familie gehör­te zum aufstre­ben­den akade­misch gebil­de­ten Mittel­stand der afroame­ri­ka­ni­schen Commu­ni­ty Birming­hams. Die Jugend von Angela Davis ist geprägt von den alltäg­li­chen Erfah­run­gen der strik­ten Rassen­tren­nung der Jim-Crow-Ära (1876–1964), die u.a. die Segre­ga­ti­on der öffent­li­chen Sphären (Wohnvier­tel, Schulen, Kinos, Sitzbän­ke, Plätze in öffent­li­chen Verkehrs­mit­teln etc.) für Weiße und Schwar­ze festleg­te. Nach dem Besuch der integra­ti­ven Oberstu­fe der priva­ten Elisa­beth Irwin High School in Green­wich Villa­ge (New York) führte ihre akade­mi­sche Ausbil­dung sie an die Brand­eis-Univer­si­ty (Waltham, Massa­chu­setts) für den Studi­en­gang B.A. in Franzö­si­scher Litera­tur, Philo­so­phie und Litera­tur­theo­rie (vgl. Hampton 2013, S. 43–45). Die Begeg­nung dort mit Herbert Marcu­se im Jahr 1962 prägte ihren weite­ren Weg: “Herbert Marcu­se taught me that it was possi­ble to be an acade­mic, an activist, a schol­ar, and a revolu­tio­na­ry” (Fokos 2007). Es folgten Studi­en­auf­ent­hal­te in Frank­furt (1965–1967) und an der Univer­si­ty of Califor­nia in San Diego (UCSD) (Hampton, S. 43–50). 1968 nahm sie einen PhD-Studi­en­gang mit Vorstu­di­en zu einer Disser­ta­ti­on zum Thema „Kants Analy­se der Gewalt in der Franzö­si­schen Revolu­ti­on“ auf (Hampton, S. 51). Im Frühjahr 1969 bot die Univer­si­tät von Kalifor­ni­en in Los Angeles (UCLA) Angela Davis, inzwi­schen Lehras­sis­ten­tin bei Marcu­se, einen Vertrag als Dozen­tin (Acting Assistant Profes­sor) für das Univer­si­täts­jahr 1969/70 an (Ameri­can Associa­ti­on of Univer­si­ty Profes­sors Bulle­tin 1971, S. 84).
Als Mitglied des Che-Lumum­ba-Club (CLC), einer Organi­sa­ti­on der CPUSA, geriet Angela Davis bald ins Visier des FBI (Churchill 2001, S. 80–85; Finzsch 1999, S. 521–524). Sie wurde nun durch die hohe Wellen schla­gen­de Ausein­an­der­set­zung um die Kündi­gung ihres Lehrver­trags aufgrund ihrer Mitglied­schaft in der CPUSA an der UCLA bekannt. (Davis 1975, S. 204–213; Steini­ger 2010, S. 21–26; Ameri­can Associa­ti­on of Univer­si­ty Profes­sors Bulle­tin, S. 387).
Am 19. Juni 1970 verkün­de­te Reagan in einem Memoran­dum: “Angela Davis, Profes­sor of Philo­so­phy, will no longer be a part of the UCLA staff. As the head of the Board of Regents, I, nor the board, will not tolera­te any Commu­nist activi­ties at any state insti­tu­ti­on. Commu­nists are an endan­ger­ment to this wonder­ful system of government that we all share and are proud of” (Browne 1972).

War Angela Davis 1969 als Lehren­de der UCLA in das Visier des FBI geraten, so standen ihre politi­schen Aktio­nen als leiten­des Mitglied des »Soledad Brothers Defen­se Commit­tees« (SBDC) in Südka­li­for­ni­en unter weitaus stärke­rer Beobach­tung des FBI. George Jackson, »Field Marshall« der Black Panther Partei, galt als der promi­nen­tes­te und profi­lier­tes­te der drei »Soledad Brothers«, ”the symbo­lic and global figurehead of a politi­cal and intel­lec­tu­al movement located in Ameri­can Prisons“ (Berger 2014, S. 95), eine Leitfi­gur des Wider­stan­des der Black Panther in US-ameri­ka­ni­schen Gefäng­nis­sen. (Berger, S. 91–96; Briefs 2012, S. 1; Finzsch 2003, S. 534) Das SBDC entwi­ckel­te im Frühsom­mer 1970 eine zuneh­men­de Anzie­hungs­kraft in der Öffent­lich­keit (Apthe­ker 1999, S. 7–11; Berger, S. 91–138). Angela Davis kam als »Legal Inves­tor« seit Mai 1970 in brief­li­chen Kontakt mit George Jackson. Der Bruder Jonathan Jackson gehör­te ebenfalls dem SBDC an.
Die Anschul­di­gun­gen gegen Angela Davis nach der missglück­ten Geisel­nah­me von Jonathan Jackson im Gerichts­saal des Marin County am 7. August 1970 folgten dem strate­gi­schen Konzept des FBI, das dieses im Rahmen des COINTEL­PRO-Feldzu­ges als Dreischritt „To Disrupt, Discredit and Destroy“ entwi­ckelt hatte (Churchill 2001, S. 78–117), um die Black-Panther-Bewegung und andere unlieb­sa­me politi­sche Gegner auf dem linken Spektrum empfind­lich zu schwä­chen. (Churchill 2001, S. 78–117).

b) Die Vertei­di­ger
Die Gruppe der haupt­amt­lich agieren­den Straf­ver­tei­di­ger umfass­te neben Haywood Burns Leo Branton, Howard Moore, Doris Brin Walker, Marga­ret Burnham und Angela Davis als Mitglied des Vertei­di­gungs­teams in eigener Sache (pro se) (Davis, S. 290). Bis auf Marga­ret Burnham, die am Anfang ihrer Karrie­re stand, hatten sie ihre Exper­ti­se in der Ära des McCar­thy­is­mus, während der Bürger­rechts­be­we­gung und der Nieder­schla­gung der Black-Panther-Bewegung – vielfach mit Prozes­sen, die bis zum Obers­ten Gerichts­hof gingen – gewon­nen.
Marga­ret Burnham hatte 1969 ihre anwalt­li­che Zulas­sung erhal­ten. Sie vertrat (Alston 1972, S. 50) Angela Davis durch­ge­hend von Oktober 1970 bis Juni 1972, anfäng­lich als Co-Counsel. Außer­dem fungier­te sie als Spreche­rin und Vermitt­le­rin zwischen Straf­ver­tei­di­gung und den Unter­stüt­zungs­be­we­gun­gen. ”Since a success­ful courtroom defen­se liter­al­ly depends on the perspec­tive and commit­ment of out-of-court forces, the lawyer is obliged to construct his defen­se outsi­de as well as inside the court“ (Apthe­ker, S. 109–110).
Leo Branton (1922–2013) galt als brillan­ter Straf­ver­tei­di­ger. Nach seinem Juris­ti­schen Abschluss an der Northwes­tern Univer­si­ty prakti­zier­te er seit 1949 als Rechts­an­walt (sole practi­tio­ner). Seinen Ruf als erfolg­rei­cher Straf­ver­tei­di­ger für die Durch­set­zung von Bürger­rech­ten verdank­te er Fällen wie “People v. Lawrence Bucky Walter”, in denen er einen jungen schwar­zen Solda­ten in River­si­de, Kalifor­ni­en, vertrat, der wegen Doppel­mor­des angeklagt war. African Ameri­cans wurden seitdem erstma­lig als Geschwo­re­ne zugelas­sen. (Alston, S. 49).
“As a defen­se lawyer for Angela Y. Davis, Howard Moore has emerged as the arche­ty­pe of the »Black man up front«. Becau­se the case of the brilli­ant young Black UCLA philo­so­phy profes­sor has become the most widely-publi­ci­zed politi­cal trial in decades — and perhaps the most notorious prose­cu­ti­on of a promi­nent Black ever — Howard Moore has ignited the imagi­na­ti­on of count­less young Blacks in all walks of life“(Floyd 1972 S. 55).
Howard Moore (*1932) erwarb 1960 seinen Bache­lor of Laws (LL.B.) ‑Abschluss an der Boston Univer­si­ty School of Law (Moore, Howard, Jr., Biogra­phy 2007) und wurde 1961 in Massa­chu­setts als Rechts­an­walt zugelas­sen. Er war bekannt für seine großen Erfol­ge in der Durch­set­zung der Antidis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz­ge­bung im Bundes­staat Georgia. (Floyd, S. 55).
Doris Brin Walker (1919–2009), seit den 1930er Jahren Mitglied der CPUSA und aktives Gewerk­schafts­mit­glied, schloss ihr Jurastu­di­um 1942 an der Boalt Hall in Berke­ley ab (Woo 2009). Sie wurde aufgrund ihrer jahre­lan­gen Erfah­rung und sorgfäl­ti­gen Planung bei politi­schen Aktio­nen, ihrer Exper­ti­se und ihrer umfang­rei­chen Praxis im kalifor­ni­schen Arbeits‑, Gerichts- und Verfas­sungs­recht für den Davis-Prozess ausge­wählt (Woo 2009). ”More immedia­te­ly, she views her role as an experi­en­ced lawyer with special exper­ti­se in trial tactics“ (Alston 1972, S. 53). Doris Brin Walker leite­te 1970 als erste Frau 1970 die Natio­nal Lawyers Guild.
Haywood Burns (1940–1996) zählte zu den bekann­tes­ten schwar­zen Straf­ver­tei­di­gern seiner Genera­ti­on. 1987 wurde er zum ersten schwar­zen Dean der Facul­ty of Law der City Univer­si­ty of New York (CUNY) gewählt. Nach dem Studi­um in Harvard (1962) erwarb er 1966 seinen juris­ti­schen Abschluss in Yale. Als Aktivist in der Civil Rights- Bewegung vertrat er eine gemäßig­te Positi­on. Ein Schlüs­sel­er­leb­nis war die Unter­stüt­zung des Poor Peoples March 1968 in Washing­ton, an dem er als juris­ti­scher Berater Martin Luther Kings Jr. teilnahm.
Im Gegen­satz zu den von dem Rechts­wis­sen­schaft­ler Herbert Wechs­ler (1909–2000) entwi­ckel­ten „neutra­len Prinzi­pi­en“, gehör­te Haywood Burns zu den Vertre­tern des „insti­tu­tio­nel­len Rassis­mus“, der auf der Annah­me basiert, dass der Rassis­mus dem ameri­ka­ni­schen Recht inhärent ist und sich als „insti­tu­tio­nel­ler Rassis­mus […] im Rechts­sys­tem wider­spie­gelt. “Even if a great deal of the overt and expli­cit racism in the legal system has been removed in recent years through judici­al and legis­la­ti­ve action, racism had not been eradi­ca­ted from the legal system“ (Ratner/Stein 1996).
Haywood Burns war 1969 einer der Gründungs­di­rek­to­ren des NCBL und amtier­te 1972 als geschäfts­füh­ren­der Direk­tor (The Natio­nal Confe­rence of Black Lawyers 1978, S. 9–11). Er war bereits im Oktober 1970 in New York als Anwalt von Angela Davis (Alston, S. 51; Combi­ned Federal & State Cases, No. 70 Civ. 4793 [Novem­ber 4,1970) tätig gewesen. Im Januar 1971 stell­te er als haupt­ver­ant­wort­li­cher Initia­tor eine Gruppe von zwölf Jurapro­fes­so­ren aus elf Colle­ges zusam­men, die gemein­sam mit ihren Studie­ren­den dem „Legal Defen­se Team“ aktive Unter­stüt­zung — “advice and counsel” — anboten (Campbell 1971).

c) Das Gericht
Der Richter Richard E. Arnason (1922–2015) hatte 1946 das Jurastu­di­um in Berke­ley abgeschlos­sen und prakti­zier­te jahre­lang als Rechts­an­walt in Antioch, Kalifor­ni­en. Er war Mitglied der Demokra­ti­schen Partei und wurde 1963 von dem damali­gen Gouver­neur und Partei­freund Edmond G. Brown als Richter an das kalifor­ni­sche Bundes­ge­richt (Califor­nia Superi­or Court) berufen und im Juni 1971 für den Fall abgestellt. Der Jurist galt als kühler Kopf und bei Straf­pro­zes­sen als routi­nier­ter und erfah­re­ner Vorsit­zen­der, der sich streng an die Geset­ze hielt und eine ruhige und ausge­gli­che­ne Verhand­lungs­füh­rung sicher­te. (Hallis­sy 1999, Meeker 2008, S. 105–106). 2012 schied Richard E. Arnason im Alter von 90 Jahren und nach 49 Jahren Tätig­keit als Richter des Superi­or Court aus (Hallis­sy, Meeker, S. 105–106).

d) Die Jury
Als Geschwo­re­nen­pro­zess lag die Entschei­dung über den Ausgang bei dem einstim­mig zu fällen­den Votum der zwölf­köp­fi­gen Jury. Der Unvor­ein­ge­nom­men­heit verpflich­tet, erwies sich die Jury auch noch während des Black Libera­ti­on Movement der 1970er Jahre als Instru­ment einer der Rassen­se­gre­ga­ti­on verpflich­te­ten Justiz, indem sie häufig noch aus rein weißen Mitglie­dern zusam­men­ge­setzt wurde und ihr Urteil dem »racial bias« entsprach. Daher wurde die Auswahl der zwölf Mitglie­der und der vier Ersatz­leu­te für die Jury im Angela-Davis-Prozess ein hartes Ringen um die geeig­ne­ten Mitglie­der, ein kompli­zier­ter Vorgang, der erst Ende März 1972 abgeschlos­sen war. Die jeweils durch Los ermit­tel­ten Anwär­ter auf einen Platz in der „Box“ wurden dem „Voir Dire“ – einer einge­hen­den Befra­gung durch beide Seiten – unter­zo­gen. Ankla­ge wie Vertei­di­gung hatten das Recht, bis zu 20 Kandi­da­ten ohne nähere Begrün­dung durch ein Veto auszu­schlie­ßen. Überdies musste der Richter auf Antrag der Vertei­di­gung solche Geschwo­re­nen­an­wär­ter entlas­sen, deren Vorein­ge­nom­men­heit offen­sicht­lich war.
Die schließ­lich ausge­wähl­ten zwölf Mitglie­der der Jury und vier Ersatz­mit­glie­der waren zwischen 19 und 67 Jahre alt und gehör­ten ihrem sozia­len Status und ihrer Ausbil­dung nach der Mittel­schicht an. Darun­ter befand sich kein Schwar­zer; der einzi­ge nicht weiße Geschwo­re­ne war der aus Mexico stammen­de Louis Franco, der als Daten­ver­ar­bei­ter bei IBM tätig war (Steini­ger, S. 76–79, 81–83; Apthe­ker, S. 89, 168–169, 173–178, 182).

e) Der Staats­an­walt: Albert W. Harris
Albert W. Harris (1939–1974) war nach seinem B.A.-Abschluss und einem Jurastu­di­um in Berke­ley 1956 in den Stab des General­staats­an­walts von Kalifor­ni­en einge­tre­ten.
Albert W. Harris Jr. leite­te als stell­ver­tre­ten­der General­staats­an­walt des State of Califor­nia versus Angela Y. Davis die Vorver­hand­lun­gen und übernahm im Haupt­pro­zess die Rolle des Haupt­anklä­gers. Als Vertre­ter der konser­va­ti­ven politi­schen Klasse trat Albert W. Harris in den Vorun­ter­su­chun­gen als klassi­scher Reprä­sen­tant einer im Sinne der Strate­gie des COINTELPRO handeln­den Staats­an­walt­schaft auf. Im Laufe des Prozes­ses wurden so viele Fehler und Versäum­nis­se der Vorun­ter­su­chun­gen offen­bar, dass sein starres Konzept der Ankla­ge nicht mehr aufrecht­erhal­ten werden konnte. (Albert W. Harris Jr. Dies at 45, 1974; Chief Angela Davis Prose­cu­tor. New York Times, Dec. 6. 1974, Archi­ves; vgl. Kap. 5).

3. Zeitge­schicht­li­che Einord­nung

Der Prozess gegen Angela Yvonne Davis gilt unter Straf­recht­lern der USA als einer der bedeu­tends­ten politi­schen Straf­pro­zes­se der USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun­derts, “a case called by Harvard Univer­si­ty law profes­sor Charles Ogletree Jr. »clear­ly the trial of the 20th centu­ry«” (Cohn 2009).
So hatte bereits FBI-Direk­tor Edgar Hoover in seinem Fahndungs­auf­ruf vom 18. August 1970 Angela Davis in den Rang einer „Terro­ris­tin“ und gefähr­li­chen Krimi­nel­len erhoben, zur bundes­wei­ten „cause célèb­re“, als er sie auf die Liste der »Ten Most Wanted crimi­nals« platzier­te: “Angela Davis is wanted for kidnap­ping and murder charges growing out of an abduc­tion and shooting in Marin County, Califor­nia, on August 7, 1970. She has alleged­ly purcha­sed several guns in the past. Consi­der armed and dange­rous“ (Apthe­ker, S. 22). Der Haftbe­fehl des Staates Kalifor­ni­en vom 15. August 1970 wurde damit in seiner Tragwei­te um einiges verschärft.
Dieser beruh­te auf der Anschul­di­gung wegen Mordes ersten Grades, Geisel­nah­me und Verschwö­rung im Zusam­men­hang mit dem Überfall des 17-jähri­gen Afroame­ri­ka­ners Jonathan Jackson vom 7. August 1970 auf das Marin County Superi­or Court Center im Justiz­ge­bäu­de von San Rafael in Kalifor­ni­en (Steini­ger, S. 27–28; Apthe­ker 1999, S. 14). Jonathan Jackson war in einem Gerichts­saal bei laufen­der Verhand­lung in der Straf­sa­che gegen den afroame­ri­ka­ni­schen Angeklag­ten James McClain einge­drun­gen, hatte fünf Geiseln genom­men und den Angeklag­ten sowie zwei seiner Mithäft­lin­ge, die als Zeugen aussag­ten, befreit (Steini­ger, S. 27–28; Apthe­ker, S.16). Als die Gruppe mit den Geiseln in einem gelben Van den Gerichts­hof verlas­sen wollte, wurden Jonathan Jackson, James McClain und William Christ­mas sowie der Richter Harold Haley in dem unmit­tel­bar einset­zen­den Schuss­wech­sel getötet. Der Bezirks­staats­an­walt Gary Thomas wurde schwer verletzt, ebenso Ruchell Magee und eine der weibli­chen Geschwo­re­nen (GL M0308 Box 2; Vol. XIV, Trial, March 27, 1972, S. 2141–2219; Davis, S. 11–13).
Drei der Geweh­re, die bei der misslun­ge­nen Geisel­nah­me gefun­den worden waren, waren auf den Namen von Angela Davis einge­tra­gen. Somit galt Angela Davis als „Eigen­tü­me­rin der Waffen“ neben dem einzi­gen überle­ben­den afroame­ri­ka­ni­schen Häftling des Überfalls, Ruchell Magee, als Haupt­be­schul­dig­te (Apthe­ker 1999, S. 21). Bei dem Tatbe­stand der Verschwö­rung, der hier zugrun­de gelegt wurde, drohte bei einem Schuld­spruch in Kalifor­ni­en die Todes­stra­fe.

Am 13. Oktober 1970 wurde Angela Davis in New York von Beamten des FBI verhaf­tet. (Davis, S. 15–31, 68–73; Campbell 1970, Abt/Meyerson 1993, S. 8–9). Verhaf­tung, Auslie­fe­rung nach Kalifor­ni­en, Unter­su­chungs­haft und der Prozess von Angela Davis wurden in der US-ameri­ka­ni­schen Öffent­lich­keit von allen Seiten als hochran­gi­ges Politi­kum einge­stuft. So gratu­lier­te Präsi­dent Nixon persön­lich in einem Fernseh­in­ter­view dem FBI Direk­tor Edgar F. Hoover “for the captu­re of the dange­rous terro­rist, Angela Davis“. The New York Times also congra­tu­la­ted the FBI for its ‚brilli­ant inves­ti­ga­ti­ve effort‘ in appre­hen­ding Angela Davis in an edito­ri­al in October 16th, 1970“ (Apthe­ker, S. 24). Gus Hall, General­se­kre­tär der Kommu­nis­ti­schen Partei hinge­gen “labeled the arrest of Angela Davis ‚a fraud and a frame-up‘, and called for a wide movement to free the 26-year-old black militant. She is held here without bail for possi­ble extra­di­ti­on to Califor­nia on murder and kidnap­ping charges. Mr. Hall said Miss Davis had been a member of the Commu­nist party for some time. Her arrest, he said, was part of »gallo­ping hyste­ria inspi­red and red by the Federal Government, which is moving the country rather speedi­ly toward a police state«.” (The New York Times, 16. Oktober 1970).

Die Diskus­si­on des extre­men »frame-ups« der Angeklag­ten hatte im Lichte der hohen öffent­li­chen media­len Aufmerk­sam­keit nicht die staat­li­cher­seits erwar­te­te Wirkung. Statt­des­sen führten die zahlrei­chen Bericht­erstat­tun­gen in der Presse eher zu einer starken Anzweif­lung der öffent­li­chen Versi­on und zu einer Solida­ri­sie­rung mit der Angeklag­ten, die sogar in der nicht immer freund­lich geson­ne­nen bürger­li­chen Presse gelegent­lich als „Jeanne d’Arc“ bewun­dert wurde (Steini­ger, S. 47). Während Reagan noch im Januar 1972, kurz vor dem Beginn des Prozes­ses, Angela Davis im Fernse­hen als Staats­fein­din insze­nier­te, setzte das NUCFAD recht erfolg­reich auf die Glaub­wür­dig­keit der Angeklag­ten, indem es ständig auf den »racial bias« der Ankla­ge, der Unter­su­chungs­haft und des Prozess­ge­sche­hens in den Medien hinwies.

Aufgrund der inter­na­tio­na­len Bericht­erstat­tung gerie­ten das US-ameri­ka­ni­sche Justiz­sys­tem und der Rassis­mus des US-Gefäng­nis­sys­tems in den Fokus der Weltöf­fent­lich­keit. So waren für die Bericht­erstat­tung des Prozes­ses in den Medien ca. 500 Perso­nen akkre­di­tiert, darun­ter auch ein Teil aus dem Ausland. Dass das weltwei­te Echo, das die erneu­te Kampa­gne »Bail now!« 1972 beglei­te­te, nachdem der Obers­te Gerichts­hof des Staates Kalifor­ni­en am 18. Febru­ar 1972 die Todes­stra­fe außer Kraft gesetzt hatte, als öffent­li­ches Gegen­ge­wicht anzuse­hen ist und die Entschei­dung des Richters nicht unbeein­flusst ließ, legen die Bemer­kun­gen des Richters Arnason über die umfas­sen­de Post, die er „in den letzten zwei Tagen erhal­ten habe“, ebenso wie die Telefon­an­ru­fe aus „einer sehr großen Anzahl von Staaten“ nahe. Angela Davis wurde am 23. Febru­ar 1971 auf Kauti­on aus der Haft im Unter­su­chungs­ge­fäng­nis des Santa Clara County in Palo Alto entlas­sen (Davis, S. 21; Apthe­ker, S. 136–153).
Angela Davis wurde medial zur „Stili­ko­ne“ einer neuen Genera­ti­on der African Ameri­cans; ihr Auftre­ten und ihre Erschei­nung wurden zum einen an westli­chen Modei­dea­len gemes­sen, ihre Afro-Frisur anderer­seits aber auch als heraus­ra­gen­des Merkmal afroame­ri­ka­ni­scher selbst­be­wuss­ter Identi­tät angese­hen, ohne zu stigma­ti­sie­ren.

4. Die Ankla­ge

Die Ankla­ge des “Kidnap­ping in the first degree, Murder in the first degree, Conspi­ra­cy“ beruh­te auf der Beschul­di­gung der angeb­li­chen Verschwö­rung laut Section 31 des Califor­nia Penal Code: “All persons concer­ned in the commis­si­on of a crime, whether it be a felony or misde­me­a­nor, and whether they direc­t­ly commit the act consti­tu­ting the offen­se, or aid and abet it in its commis­si­on, or, not being present, have advised and encou­ra­ged its commis­si­on […] are princi­pals in any crime so commit­ted […].“ Der Artikel war 1872 in das Straf­ge­setz­buch aufge­nom­men worden und kam selten zur Anwen­dung. Diese sehr weit gefass­te Defini­ti­on der Verschwö­rung erlaub­te die Teilnah­me mit der Täter­schaft gleich­zu­set­zen. Betti­na Apthe­ker benennt die Fragwür­dig­keit der Formu­lie­rung, „becau­se it abolished the distinc­tion between an acces­so­ry before the commis­si­on of a crime, and a princi­pal parta­king in the commis­si­on of crime“ (Apthe­ker 1999, S. 21).
Die am 27. März verle­se­ne Ankla­ge­schrift blieb bei der ursprüng­li­chen Formu­lie­rung, stell­te das Fallge­sche­hen jedoch nicht mehr als politisch motivier­te Tat, sondern als klassi­sches Kapital­ver­bre­chen dar, indem sie die Bruta­li­tät des Tatge­sche­hens hervor­hob, ihr ein beson­de­res Motiv unter­stell­te und die Planmä­ßig­keit der Ausfüh­run­gen als gegeben ansah.
Damit zeich­ne­te sich eine Verän­de­rung der Strate­gie der Ankla­ge und — entspre­chend — der Beweis­füh­rung ab, die bis kurz vor Prozess­be­ginn die politi­schen Aktivi­tä­ten von Angela Davis, ihre Reden bei Kundge­bun­gen, ihre Leitung des SBDC, ihre Mitglied­schaft in der CPUSA und ihre Tätig­keit in der Black Panther Party stark gewich­tet hatte. (Vgl. die Eröff­nungs­re­de des Staats­an­walts, in: GL/M0308 Box 2; Vol. XIV, Trial, March 27, 1972, S. 2141–2219; Davis 1975, S. 270).“The case of the prose­cu­ti­on does not rest in any degree upon the nature of politi­cal views of the defen­dant. The claim that the defen­dant is a politi­cal priso­ner is false and without founda­ti­on […]“ (Apthe­ker 1999, S. 166).
Als Motiv unter­stell­te Staats­an­walt Albert Harris statt­des­sen eine in der Angeklag­ten liegen­de persön­li­che leiden­schaft­li­che Liebe zu George Jackson, wonach Angela Davis sich Jonathan Jackson gefügig gemacht habe, Entfüh­rung und Mord in Kauf zu nehmen, um ihren Gelieb­ten, George Jackson, zu befrei­en. “Her own words will reveal that beneath the cool acade­mic veneer is a woman fully capable of being moved to violence by passi­on. The evidence will show that her basic motive was not to free politi­cal prisoners, but to free the one priso­ner that she loved. […] The evidence will show […] that the defen­dant and George Jackson used the meeting, their only physi­cal meeting that I know of, as an oppor­tu­ni­ty for a close passio­na­te physi­cal invol­ve­ment. […] You will find […] a willing­ness on the part of the defen­dant to do whate­ver she felt had to be done to free George Jackson […] to under­go hazards and risks of extre­me diffi­cul­ty if they were necessa­ry in order to free George Jackson.”(Eröffnungsrede des Staats­an­walts GL/M0308 Box 2; Vol. XIV, Trial, March 27, 1972, S. 2141–2219, hier S. 2193 u. S. 2194).
Mit dem Hinweis auf das Motiv der „leiden­schaft­li­chen Liebe“ bedien­te der Staats­an­walt das US-ameri­ka­ni­sche rassis­ti­sche Klischee hinsicht­lich der Sexua­li­tät schwar­zer Frauen, wie es in den 1960er Jahren der Sozio­lo­ge Daniel Moyni­han mit breiter Wirkung formu­liert hatte. Money­han hatte schwar­zen Frauen eine ungesteu­er­te trieb­haf­te Sexua­li­tät unter­stellt, wodurch für die schwar­ze Familie und die schwar­ze Männlich­keit eine Bedro­hung der stabi­len gesell­schaft­li­chen „Ordnung“ einge­tre­ten sei. Entspre­chend sah sich die Ankla­ge dem Problem gegen­über, nach dem monate­lan­gen „Framen“ des Falles im Sinne eines politi­schen Prozes­ses, die als beson­ne­ne Intel­lek­tu­el­le agieren­de Angela Davis nun einem Frauen­bild anzuglei­chen, das auf dem unter­stell­ten gefähr­li­chen Pol schwar­zer Weiblich­keit angesie­delt war (Finzsch, S. 517).

Insge­samt präsen­tier­te die Ankla­ge 104 Zeugen und 200 Beweis­stü­cke, darun­ter Pläne des inneren und äußeren Berei­ches des Tator­tes, Fotogra­fi­en während des Tather­gangs und nach den tödli­chen Schüs­sen, der an dem Tag benutz­ten Waffen, Kleidungs­stü­cke und persön­li­che Gegen­stän­de der Toten. Als Haupt­be­weis­stück für das Motiv der „leiden­schaft­li­chen Liebe“ verlas Harris priva­te Briefe und ein Brief­ta­ge­buch, sehr persön­li­che Texte, die die Angeklag­te im Juni 1970 und im Juli/August 1971 an George Jackson geschrie­ben hatte. Das Brief­ta­ge­buch, im Prozess sowohl als „diary“ als auch „letters“ benannt, umfasst 18 eng beschrie­be­ne Seiten, in denen die Autorin ihrem „stream of conscious­ness“ gegen­über dem Adres­sa­ten an mit dem jewei­li­gen Datum gekenn­zeich­ne­ten Tagen freien Lauf lässt. Die Seiten waren auf illega­lem Wege in die Zelle von George Jackson gelangt, wo sie nach seinem Tod im August 1971 entdeckt worden waren (People’s Exhibits 120, 121, 125, und 16B in: BANC MSS/99/281c, box 56; Apthe­ker 1999, S.237–240).

5. Die Vertei­di­gung

Die Vertei­di­gung nutzte eine zweifa­che Strate­gie. Zum einen ging es darum, das politi­sche Framing des Falles entge­gen der Kehrt­wen­dung des Staats­an­wal­tes, den Fall als gewöhn­li­ches „Kapital­ver­bre­chen“ zu behan­deln, heraus­zu­stel­len. Ein gleiches, wenn nicht größe­res Gewicht lag auf der Wider­le­gung der einzel­nen Ankla­ge­punk­te durch den Nachweis von groben Fehlern bei der Siche­rung und Inter­pre­ta­ti­on der Indizi­en, durch die Aufde­ckung von Wider­sprü­chen in dem von Harris darge­leg­ten Tather­gang, durch die Überprü­fung des Wahrheits­ge­hal­tes und/oder der Vorein­ge­nom­men­heit der Zeugen­aus­sa­gen. Als beson­de­res wirkungs­vol­les Instru­ment erwies sich das Kreuz­ver­hör, das nach seiner­zeit neues­ten sozial­psy­cho­lo­gi­schen Erkennt­nis­sen geführt wurde. Mit der Wider­le­gung der Indizi­en­ket­te – ein Kunst­werk der Straf­ver­tei­di­gung, das später in den Lehrbü­chern Eingang fand – fiel letzt­lich auch die Glaub­wür­dig­keit der Ankla­ge in sich zusam­men.
Ein geschick­ter Schach­zug der Vertei­di­gung war, Angela Davis als Co-Counsel der Vertei­di­gung bei der Eröff­nung des Prozes­ses die Gegen­re­de der Vertei­di­gung persön­lich vortra­gen zu lassen. Dieses in der Prozess­ord­nung vorge­se­he­ne Vorge­hen erwies sich als beson­ders erfolg­reich, weil der Vortrag im Prinzip nicht unter­bro­chen werden durfte und die Ausfüh­run­gen Wider­le­gun­gen der Ankla­ge enthal­ten konnten, welche nicht einem Verhör unter­zo­gen wurden. Dieses Instru­ment nutzte Angela Davis erfolg­reich, zum einen, um die Öffent­lich­keit per Medien­echo, zum anderen, um die Geschwo­re­nen im Gerichts­saal einzu­stim­men.

In ihrem Vortrag konzen­trier­te sich Angela Davis auf zwei Punkte. Der erste befass­te sich mit der Strate­gie des Staats­an­wal­tes, die politi­schen Impli­ka­tio­nen des Prozes­ses beisei­te zu lassen. Der zweite widme­te sich der ausführ­li­chen Kritik der Ausfüh­run­gen des Staats­an­wal­tes zum „Verbre­chen aus Leiden­schaft“, um den versteck­ten Rassis­mus und Antife­mi­nis­mus der Ankla­ge hervor­zu­he­ben (Opening State­ment by the Defen­se in: GL/ M0308 Box 2; Trial March 29, 1972, Vol XV, 2320–2363; Davis 1975, S. 339–340).
Ein Beispiel zur Illus­tra­ti­on des geschick­ten Vorge­hens der Vertei­di­gung zeigte sich bei dem Nachweis, dass von einer Planung der Täter, durch einen Austausch der Geiseln die Freilas­sung der drei »Soledad Brothers« zu errei­chen, nicht die Rede sein konnte. Im Kreuz­ver­hör konnte die Vertei­di­gung nachwei­sen, dass die angeb­li­chen Ausru­fe der Täter „Freiheit für die Soledad-Brüder“ eines fakti­schen Nachwei­ses entbehr­ten. So sagte der Bezirks­staats­an­walt Gary Thomas am 5. 4. 1970 aus, dass er sich an die Ausru­fe „Freiheit für die Soledad Brüder“, die angeb­lich andere Zeugen gehört haben wollten, nicht erinnern konnte (Apthe­ker, 193; GL/M0308 Box 2 Vol. XIX, S. 2778–2969). Ein Beamter des Marin County hatte angeb­lich gehört, dass die drei Täter „Folsom“ statt „Soledad“ (in St. Quentin) gerufen hatten, (Ted Hughes, Aussa­ge vom 6.4.1972, GL/M0308 Box 2, Vol XX, S. 2970–3165A, Apthe­ker 1999, S. 198), ein weite­rer Zeuge, der Fotograf James Kean, konnte den Nachweis des Ausru­fes nicht überzeu­gend erbrin­gen, da der Zettel, auf dem er ihn angeb­lich notiert hatte, nicht mehr auffind­bar war (Aussa­ge James Kean am 3.4.1972, in: GL/ M0308 Box 2, Vol XVIII, S. 2578–2777).
Ein weite­res entschei­den­des Indiz der Ankla­ge wegen Mordes verlor seine Aussa­ge­kraft, als die Vertei­di­gung nachwei­sen konnte, dass die drei Akteu­re des Überfalls aus keiner der mitge­brach­ten Waffen geschos­sen hatten (Aussa­gen von John Murphy und John A. Hicks am 11.4.1972 GL/ M0308 Box 2 Vol XXII, S. 3318–3520. Steinin­ger, 137–138). Eine Erschie­ßung der Geiseln durch die Geisel­neh­mer passte zudem nicht in die Logik einer geplan­ten Befrei­ung, wenn die Täter die Geiseln für die Heraus­ga­be der Soledad Brothers brauch­ten. Eine genaue ballis­ti­sche Unter­su­chung der Waffen und der Muniti­on, u.a. die Überprü­fung von Finger­ab­drü­cken auf den Waffen, war im Übrigen nicht erfolgt. Die Autop­sie der Leichen war, wie das Verhör des zustän­di­gen Patho­lo­gen John H. Manwa­ring ergab, sehr nachläs­sig durch­ge­führt worden. Die ursprüng­li­chen Aus- und Einschuss­wun­den waren „verwech­selt“ worden. Jonathan Jackson und McClain waren mit einem Schuss gezielt getötet worden. (Bericht des Patho­lo­gen Manwa­ring am 13.4.1972, GI/M0308, Box 2, Vol XXIII, S.3521–3685; Apthe­ker, 194–195). Der Tod des Richters Haley war wahrschein­lich eine unabsicht­li­che Folge der hefti­gen Schie­ße­rei des Wachper­so­nals gewesen. (Steini­ger, S. 138; Aussa­ge von Cedell Bradford am 12.4.1972 in: GI/M0308, Box 2 Vol XXIII, S. 3521–3685).

Ein Beispiel für die Vorein­ge­nom­men­heit einer Zeugin erbrach­te das Verhör von Mrs. Lois M. Leidig. Als Besuche­rin der Verhand­lung, die Jonathan Jackson zur Geisel­nah­me ausge­sucht hatte, sagte sie über McClain nach der Ankunft Jonathan Jacksons in dem Gerichts­saal aus: He “turned around several times to look at the young man.“ Diesen identi­fi­zier­te sie als Jonathan Jackson. Darauf­hin las Leo Branton aus einem Brief von Mrs Leidig vom 11. Januar 1971 an einen Freund vor: “I am hoping for this verdict for all those anarchists invol­ved. Our natio­nal courts need a verdict like this.“ Unter “verdict“ verstand sie die Todes­stra­fe.
Branton sagte zu der Zeugin im Kreuz­ver­hör: “The truth of the matter is, Ms. Leidig, […] you don’t remem­ber seeing anything in the courtroom, but you are testi­fy­ing in this way becau­se of the fact that you want to see this defen­dant convic­ted; isn’t that a fact?“ Ms. Leidig antwor­te­te: “That is not a fact. And I am under oath. And dont’t call me a liar!” (Aussa­ge Lois M. Leidig am 9.5.1972 in: GI/M0308, Box 3, Volume XXXVIII, S. 5860–5987; Apthe­ker, S.230–231).
Für die Beweis­füh­rung wählte die Vertei­di­gung, nachdem die Ankla­ge über Wochen hinweg den Prozess bestimmt hatte, ein beson­de­res Verfah­ren. Das Pin-Point Verfah­ren vom 22.–24. Mai 1972 beruh­te auf der Befra­gung von nur zwölf Zeugen in zweiein­halb Tagen, wobei die wesent­li­chen Argumen­te zur Wider­le­gung der Ankla­ge in kurzer und zugespitz­ter Form auf den Punkt gebracht werden konnten. (GL/M0308, Box 3, May 22,1972, Vol. VLIV, S. 6295–6498‑A; May 23,1972 Vol XLV, S. 6499–6580; May 24, 1972 Vol XLVII, S. 6583–6720; Apthe­ker, 244–257; Davis, 359)
Die Beweis­füh­rung diente der glaub­haf­ten Wider­le­gung der Anschul­di­gun­gen der Ankla­ge, dass Angela Davis die letzten fünf Tage vor der Tat mit Jonathan Jackson zur gemein­sa­men Planung und Durch­füh­rung der Geisel­nah­me verbracht, u.a. mit ihm gemein­sam am 5. und 6. August George Jackson im Gefäng­nis von San Quentin besucht habe und – laut Ankla­ge ein weite­rer schlüs­si­ger Beweis – am 7. August angeb­lich mehre­re Stunden im Flugha­fen von San Francis­co gewar­tet habe, um einen Anruf von Jonathan Jackson entge­gen­zu­neh­men, bis sie schließ­lich mittags ein Flucht­flug­zeug von San Francis­co nach Los Angeles genom­men habe. (GI/M0308, Box 3 Vol. XLIV, Aussa­gen von Susan Castro, Juani­ta Wheeler, Carl Bloice, Valerie Mitchell Carola (Jamala) Broad­nax am 22.5.; von Ellen Broms, Robert Buckhout am 23.5., ebd., Vol. XLV; von Charlot­te Elsie Gluck und Fleeta Drumgo am 24.5., ebd., Vol. XLVII; Apthe­ker, 219–233) Die Vertei­di­gung beleg­te mithil­fe der Zeugen­aus­sa­gen ein Bewegungs­pro­fil mit Ort- und Zeitan­ga­ben von Angela Davis, das den Angaben der Zeugen der Staats­an­walt­schaft diame­tral wider­sprach.

6. Das Urteil

In seinem Plädoy­er wich der Staats­an­walt in keinem Punkt von seinen zu Beginn des Prozes­ses vorge­tra­ge­nen Ausfüh­run­gen ab, während Branton in seinem abschlie­ßen­den Beitrag die Unschuld der Angeklag­ten und die haltlo­se Konstruk­ti­on der Ankla­ge unter­strich. Den Abschluss seiner Rede gestal­te­te er emotio­nal, indem er einen Auszug aus dem Tagebuch von Angela Davis als Liebes­ge­dicht in rhyth­mi­scher Prosa vorlas. Dies war zugleich ein Appell an die Jury, zwischen einer grenzen­lo­sen Leiden­schaft, wie sie Albert Harris seiner Schuld­be­haup­tung unter­legt hatte, und einer indivi­du­el­len und sehr priva­ten Liebes­emp­fin­dung, wie sie zwischen Angela Davis und George Jackson zutage getre­ten war, zu unter­schei­den. Angela Davis wurde am 4. Juni 1972 in allen drei Punkten der Ankla­ge einstim­mig von der Jury für unschul­dig befun­den. Der Prozess endete mit einem Freispruch. (Apthe­ker, 273)

7. Wirkung und zeitge­nös­si­sche Bewer­tung

Das Ergeb­nis wurde weltweit von einem starken Echo beglei­tet. Gerhard Mauz unter­streicht in seiner Würdi­gung des Prozes­ses die schwa­che Seite der Ankla­ge­ver­tre­tung, womit der Ausgang des Prozes­ses sich als zwingend abgezeich­net habe. Doch übersieht das Leitmo­tiv seines Artikels, angelehnt an ein Zitat von Angela Davis „There was no case“, die Gefahr des insti­tu­tio­nel­len Rassis­mus, die diesen Prozess ohne die große Öffent­lich­keit und ohne die Strate­gie der Anwäl­te auch mit einem “legal lynching“ hätte enden lassen können. Hier überwog eine am Prozess­ge­sche­hen in Westeu­ro­pa geschul­te Betrach­tungs­wei­se, der die rassis­ti­sche Kompo­nen­te des US-ameri­ka­ni­schen Straf­jus­tiz- und Gefäng­nis­sys­tems eher fremd war (Mauz 1972). Auch die einstim­mi­ge Entschei­dung der Jury im Davis-Prozess war, wie die Geschwo­re­ne Mary Timothy nach dem Prozess darleg­te, kein Automa­tis­mus. (GL/M0308, Box 4, Folder 4 und 5; Steini­ger, S. 166). Das Urteil wurde sofort über die Medien verbrei­tet. Die Mitglie­der der Angela Davis Komitees in Los Angeles und in San Francis­co ebenso wie an anderen Orten der USA gaben in sponta­nen Kundge­bun­gen ihrer Freude Ausdruck. Angela Davis erhielt als „cause célèb­re“ zahlrei­che Einla­dun­gen ins In-und Ausland, darun­ter auch in die DDR und in die UdSSR, wo sie nicht der Gefahr entging, von den Macht­ha­bern zu ihren Zwecken verein­nahmt zu werden (Lorenz 2013).
Der Prozess war für Angela Davis eine wesent­li­che Wegmar­ke der weite­ren politi­schen wie wissen­schaft­lich-akade­mi­schen Karrie­re. Nach dem enormen Rechts­ruck der CPUSA nach dem Ende des Kalten Krieges (1989/1992) verließ die progres­si­ve und libera­le­re Gruppe um Alexan­der und Kendra Frank­lin, Charle­ne Mitchell und Angela Davis und mit ihnen fast die gesam­te Mitglied­schaft von Nordka­li­for­ni­en die CPUSA und gründe­te 1992 mit dem Commit­tees of Confe­rence for Democra­cy und Socia­lism (CCDS) eine eigene politi­sche Platt­form. (Hampton, S. 252–253) Den Schwer­punkt der Tätig­keit bilde­te die Ausein­an­der­set­zung mit dem »Prison-Indus­tri­al-Complex« (PIC), der sich zwischen 1970 und 2005 zu einem umfas­sen­den indus­tri­el­len Gefäng­nis­sys­tem auswuchs und eine Vielfalt von Haftan­stal­ten hervor­brach­te, in denen überwie­gend schwar­ze, zuneh­mend auch hispa­no-ameri­ka­ni­sche junge Männer unter­ge­bracht wurden. (Berger, S. 215, 269–270)

Angela Davis war außer­dem Mitbe­grün­de­rin der »Criti­cal Resistance«(CR), einem Zusam­men­schluss der ersten Genera­ti­on der Gefäng­nis­pro­tes­te mit der neuen Genera­ti­on der Kriti­ker des Prison-Indus­tri­al Complex (PIC), die sich der syste­ma­ti­schen Analy­se und Bekämp­fung des PIC als „part of the politi­cal econo­my“ widme­ten (Berger, S. 274). Sie nahm am »Occupy Wallstreet« Protest in New York 2011 (Hampton, S. 259–261) wie an der »Black Lives Matter-Bewegung« teil und war eine der Initia­to­rin­nen des Women’s March in Washing­ton 2017 kurz nach dem Amtsan­tritt von Donald Trump.
1975 nahm Angela Davis ihre akade­mi­sche Tätig­keit wieder auf. Seit 1977 lehrte sie in der Bay Area an der San Francis­co State Univer­si­ty, am Mills Colle­ge, an der UC Berke­ley und an der Stanford Univer­si­ty zu Themen der African Ameri­can Studies, Women’s Studies und der Philo­so­phie. Bis 2018 hat sie als Autorin zehn Bücher und zahlrei­che Aufsät­ze veröf­fent­licht, in denen sie die Gender-Studies im Vorgriff auf die inter­sek­tio­nel­len Ansät­ze durch die Darstel­lung der dreifa­chen Überla­ge­rung von Geschlecht, Rasse und Klasse wesent­lich erwei­ter­te. „Ihre Perspek­ti­ve auf sich überla­gern­de Formen der Ungleich­heit auf Grund von Geschlecht, Ethni­zi­tät und Klasse ist als Triple Oppres­si­on oder aktuell – als Inter­sek­tio­na­li­täts­an­satz – in die sozial­wis­sen­schaft­li­che Theorie­bil­dung einge­gan­gen.“ (Corne­lia Goethe Centrum 2013; U.C. Berke­ley, Angela Davis, 2018)

1990 erhielt Angela Davis an der U.C. Santa Cruz eine Profes­sur auf Lebens­zeit im „Histo­ry of Conscious­ness Program“ (Apthe­ker, 203). Auch als “Distin­guis­hed Profes­sor Emeri­ta“ führt sie weiter­hin Lehrver­an­stal­tun­gen durch und gibt zahlrei­che Vorträ­ge weltweit. Inter­na­tio­nal ist sie inzwi­schen mit »Sisters Inside« verbun­den, „einer Aboli­tio­nis­ten­or­ga­ni­sa­ti­on in Queens­land, Austra­li­en, die solida­risch mit Frauen im Gefäng­nis arbei­tet.“ (Mittei­lun­gen U.C. Berke­ley 2018) Im Studi­en­jahr 2013/2014 wurde die Angela-Davis-Gastpro­fes­sur für Inter­na­tio­na­le Gender- und Diver­si­ty Studies an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Univer­si­tät in Frank­furt einge­rich­tet und mit Angela Davis im Dezem­ber 2013 eröff­net.

8. Würdi­gung

Der Prozess ist als einer der aufwän­digs­ten und meist beach­te­ten politi­schen Prozes­se des ausge­hen­den 20. Jahrhun­derts zu einem Referenz­punkt der Debat­te über die Geschich­te der Verän­de­run­gen in gesell­schaft­li­cher, politi­scher und insti­tu­tio­nel­ler Hinsicht gewor­den; er hat Maßstä­be gesetzt, Entwick­lun­gen angesto­ßen. Angela Davis galt aufgrund der hohen Wellen des Protes­tes weltweit als eine der promi­nen­tes­ten schwar­zen Aktivis­tin­nen gegen das US-ameri­ka­ni­sche Justiz- und Gefäng­nis­sys­tem. Schwar­ze junge Häftlin­ge – überwie­gend männlich – saßen in überpro­zen­tua­ler Zahl gemes­sen am Anteil der African Ameri­cans an der gesamt­ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung jahre­lang ohne Urteil und ohne wirksa­men Rechts­bei­stand ein. Der rassis­ti­sche Straf­voll­zug bot kaum Chancen, ihm zu entkom­men. Hier wuchs die »Capti­ve Nation« mit einer inhären­ten Gewalt­be­reit­schaft heran– so beschreibt der US-ameri­ka­ni­sche Histo­ri­ker Dan Berger das System und seine Wirkung in seiner gleich­na­mi­gen Studie aus dem Jahre 2014. (Berger, S. 4, 11, 16)

Die Erfah­rung der rassis­ti­schen Diskri­mi­nie­rung in den USA wird in diesem beson­de­ren Bezug zum antiko­lo­nia­len Narra­tiv des Wider­stan­des des Black Movements der 1960er und 1970er deutlich, wobei promi­nen­te Elemen­te des Systems der Sklave­rei, so z. B. die Vorfüh­rung schwar­zer Gefan­ge­ner in schwe­ren Ketten (Sklave­rei), körper­li­che Aggres­sio­nen und Hetzjag­den in den antiko­lo­nia­len Diskurs der 1960er Jahre aufge­nom­men wurden (Berger, S. 183, 272). Die Erfah­rung von Recht­lo­sig­keit und Unter­drü­ckung der Schwar­zen setzte die Infra­ge­stel­lung des gesell­schaft­li­chen Konsens entlang der »Color Line« auch nach dem Ende der Civil Rights Bewegung fort und unter­lag gleich­zei­tig einschnei­den­den Verän­de­rungs­pro­zes­sen. Die Stimmen, die die Revol­ten der schwar­zen Bürger- und Protest­be­we­gun­gen (u.a. der NAACP, SNCC, SCLC, BPP, CPUSA) einschließ­lich der schwar­zen Häftlings­be­we­gung, in ihrer neuen selbst­be­wuss­ten Unange­passt­heit und Radika­li­sie­rung in den 1970er Jahren hervor­ge­bracht hatten, wurden in den moder­nen und großen Gefäng­nis­kom­ple­xen, die seit den 1970er Jahren entstan­den, unhör­bar. Die Verän­de­run­gen in den Gefäng­nis­sen entspran­gen einer neuen Konzep­ti­on des Gefäng­nis­sys­tems hin zu einem flexi­ble­ren Instru­ment staats­po­li­ti­scher Herrschaft, die der Verein­ze­lung der Gefan­ge­nen den Vorrang gab und das Berger als “freedom with violence“ charak­te­ri­sier­te. (Berger, S. 212, 268) In der Folge nahm die Anzahl der Häftlin­ge enorm zu. Im Zeital­ter des Neoli­be­ra­lis­mus stell­ten sie als die „most oppres­sed sectors of socie­ty by race, class, geogra­phy, and sexua­li­ty” den Gegen­ent­wurf zum »Ameri­ka­ni­schen Traum« dar (Berger, S. 270).

Neben der Wirkung von Angela Davis als Symbol­fi­gur einer neuen Genera­ti­on von African Ameri­cans führte ihr inter­pre­ta­ti­ver Neuan­satz der schwar­zen weibli­chen Geschlech­ter­iden­ti­tät zu einer Trans­for­ma­ti­on des konser­va­ti­ven Geschlech­ter­mo­dells. Hier vertritt Angela Davis eine Konzep­ti­on von Geschich­te, die eine Anschluss­fä­hig­keit über die Rasse hinaus in sich trägt. Die Gender­ge­schich­te der Black Woman überschrei­tet den natio­na­len Rahmen, indem Davis auf eine trans­na­tio­na­le Katego­rie zurück­greift und die ameri­ka­ni­sche Black Histo­ry an die Black Histo­ry der Länder Afrikas, die sich aus dem Kolonia­lis­mus lösten, anschloss. Die „schwar­ze“ Hautfar­be wurde damit die „Farbe“ der Völker in Bewegung, und konnte als Teil der trans­na­tio­na­len Bewegung im Postko­lo­nia­lis­mus konzi­piert werden. (Davis, 1975, 1983, 1987; Finzsch 2003)

Nicht zuletzt war der Prozess ein Lehrpro­zess für die nachfol­gen­de Genera­ti­on der afroame­ri­ka­ni­schen Straf­ver­tei­di­ger in den USA. Der späte­re Straf­ver­tei­di­ger und Profes­sor der Rechts­wis­sen­schaf­ten der Harvard Univer­si­ty, Charles Ogletree, Jr., 1952 geboren, nahm als junger Student der UC Stanford fast täglich an dem Prozess teil. “Ogletree’s first inten­si­ve experi­ence in the courtroom sparked his intent to pursue trial law as a career. He atten­ded nearly every day of the trial of Black Power activist and Commu­nist Angela Davis. Some of the parts of the Davis trial were tedious, Ogletree recal­led in I’ve Known Rivers, but »the process and strate­gies were fasci­na­ting. I sat there wonde­ring how they were going to tie all this together.«” (Charles Ogletree, Jr. 2018)

9. Biblio­gra­fie

Quellen:
The Bancroft Libra­ry, U. C. Berke­ley (=BANC MSS/) Meikle­john John Liber­ties Insti­tu­te Records, Subse­ries 2.5: Angela Davis Trial (People v. Angela Davis), 1970–1972:

BANC MSS/C/Ctn 39, Santa Clara County, Legal Documents and Appeals.
BANC MSS 99/281c, box 56: Angela Davis Papers; darin: Letters to George Jackson.

Combi­ned Federal & State Cases, No. 70 Civ. 4793, United States District Court fort he Southern District of New York, 321 F. Supp. 1134; 1970 U.S. Dist. LEXIS 9635, 4. Novem­ber 1970.

Green Libra­ry, Stanford Univer­si­ty (=GL), Manuscript Divisi­on, Depart­ment of Special Collec­tions, Angela Davis Materi­als, M0308 Box 1, M0308 Box 2, M0308 Box 3, M0308 Box 4.

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Litera­tur:

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Johan­na Meyer-Lenz                                                               Dezem­ber 2018

 

Johan­na Meyer-Lenz ist Histo­ri­ke­rin. Sie ist an der Univer­si­tät Hamburg am Insti­tut für Germa­nis­tik, Koordi­na­ti­on Forschungs­ver­bund zur Kultur­ge­schich­te Hamburgs (FKGHH), tätig. Forschungs­schwer­punk­te sind Geschich­te des 19. und 20. Jahrhun­derts, Sozial­ge­schich­te, Geschlech­ter­ge­schich­te, Unter­neh­mens- und Medizin­ge­schich­te.

 

Zitier­emp­feh­lung:

Meyer-Lenz, Johan­na: Davis, Angela, in: Groenewold/ Ignor / Koch (Hrsg.), Lexikon der Politi­schen Straf­pro­zes­se, http://www.lexikon-der-politischen-strafprozesse.de/glossar/davis-angela/, letzter Zugriff am TT.MM.JJJJ.