Companys i Jover, Lluís

bearbei­tet von
Moisés Prieto

Spani­scher Bürger­krieg
Dikta­tur
Katalo­ni­en
Faschis­mus
Militär­pro­zess / Militär­ge­richts­bar­keit

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Der Militärprozess gegen Lluís Companys
Spanien 1940

1. Prozess­ge­schich­te

Am 14. Oktober 1940 fand die Prozess­ver­hand­lung gegen den Präsi­den­ten der katala­ni­schen Genera­li­tat Lluís Compa­nys i Jover vor einem Militär­ge­richt in der Festung Montjuïc in Barce­lo­na statt.
Der Vorwurf laute­te militä­ri­sche Rebel­li­on. Das Gerichts­ur­teil – Todes­stra­fe –wurde am Tag darauf vollzo­gen. Compa­nys verkör­pert wie kein anderer die Repres­si­on im Franco-Regime unmit­tel­bar nach dem Ende des spani­schen Bürger­kriegs, die sich in Katalo­ni­en beson­ders grausam gestal­te­te. Seit dem Ende der Dikta­tur genießt Compa­nys Kultsta­tus in Katalo­ni­en und gilt als Märty­rer des katala­ni­schen Regio­na­lis­mus auch über seine Partei hinaus.

2. Prozess­be­tei­lig­te

a) Der Angeklag­te
Lluís Compa­nys i Jover (1882–1940)
Compa­nys wurde am 21. Juni 1882 in El Tarrós (Provinz Lleida) geboren. Er entstamm­te einer bürger­lich-aristo­kra­ti­schen Familie mit libera­len Ansich­ten aus der Comar­ca Urgell. Während seines Studi­ums der Rechts­wis­sen­schaf­ten an der Univer­si­tät Barce­lo­na kam er mit republi­ka­ni­schem Gedan­ken­gut in Kontakt. 1910 wurde er zum Vorsit­zen­den der Jugend­par­tei der Unió Federal Nacio­na­lis­ta Republi­ca­na gewählt. Ferner war er als Journa­list tätig und gründe­te mehre­re links­re­pu­bli­ka­ni­sche Zeitun­gen. Ab 1916 prakti­zier­te er als Rechts­an­walt in der Anwalts­kam­mer Barce­lo­nas und übernahm die Straf­ver­tei­di­gung von Arbei­tern und mittel­lo­sen Mandan­ten. 1917 entstand die Partit Republi­cà Català (Katala­ni­sche Republi­ka­ni­sche Partei) und Compa­nys wurde damit ins Stadt­par­la­ment Barce­lo­nas gewählt. Im Jahre 1920 wurde Compa­nys zusam­men mit weite­ren Gewerk­schafts­füh­rern aufgrund seiner politi­schen Aktivi­tät verhaf­tet und auf die Balea­ren depor­tiert, doch noch im selben Jahr wieder entlas­sen, da er als Abgeord­ne­ter ins spani­sche Parla­ment gewählt worden war. 1922 war er einer der Initia­to­ren der landwirt­schaft­li­chen Gewerk­schaft Unió de Rabassaires. Aus einer Konfe­renz im März 1931 entstand die Partei Esquer­ra Republi­ca­na de Catalunya (ERC, dt. Republi­ka­ni­sche Linke Katalo­ni­ens), die in den Kommu­nal­wah­len vom 12. April dessel­ben Jahres einen wichti­gen Sieg erlang­te. Im Juni wurde er als Abgeord­ne­ter in den verfas­sungs­ge­ben­den Rat in Madrid gewählt, wo seine Partei zu einer Stütze der Regie­rung des sozial­ra­di­ka­len Minis­ter­prä­si­dent Manuel Azañas wurde. Compa­nys setzte sich in den Verfas­sungs­de­bat­ten für die Einschrän­kung der katho­li­schen Kirche im öffent­li­chen Leben, die katala­ni­sche Autono­mie und das Frauen­wahl­recht in der Verfas­sung der Spani­schen Republik ein. Die Parla­ments­wah­len in Katalo­ni­en im Novem­ber 1932 brach­ten ihn als Vorsit­zen­den des Parla­ments zurück nach Barce­lo­na. Doch bereits im Juni 1933 wurde Compa­nys zum Marine­mi­nis­ter in Madrid ernannt, ein Posten, den er bis Septem­ber innehat­te (Poblet, S. 31–168; Gonzà­lez i Vilal­ta, S. 119–150).

b) Der Vertei­di­ger
Artil­le­rie-Haupt­mann Ramón de Colubí i de Chánez (1910–2007)
Colubí war kein Jurist. Am 19. Juli 1936 hatte er als Artil­le­rie-Leutnant in der Kaser­ne Sant Andreu del Palomar in Barce­lo­na am Putsch gegen die Republik teilge­nom­men. Am 3. Oktober wurde er von der republi­ka­ni­schen Seite zum Tode verur­teilt; später wurde das Urteil in eine dreis­sig­jäh­ri­ge Haftstra­fe umgewan­delt. Im Januar 1938 wurde er zusam­men mit anderen Gefan­ge­nen gegen inhaf­tier­te Republi­ka­ner ausge­tauscht. Von Frank­reich aus gelang ihm die Flucht in die von General Franco kontrol­lier­te Zone. Zum Haupt­mann beför­dert, nahm er dann an den Kampf­hand­lun­gen im Norden teil (Solé i Sabaté/Dueñas Iturbe, S. 181). Späte­re Nachfor­schun­gen haben ergeben, dass Colubí und Compa­nys entfernt mitein­an­der verwandt waren (El Punt Avui, 8. Oktober 2015).

c) Das Gericht
Das Gericht unter dem Vorsitz des Briga­de-Generals Ramón de Puig Ramón als Unter­su­chungs­rich­ter und des „Vorsit­zen­den des Tribu­nals“, Divisi­ons-General Manuel Gonzá­lez Gonzá­lez, setzte sich zusätz­lich aus fünf Briga­de­ge­ne­rä­len, zwei Ersatz­mit­glie­dern und einem Rechts­be­ra­ter, dem Briga­de-Auditor Adria­no Coronel Veláz­quez, zusam­men. Während des Bürger­kriegs hatten sich diese Generä­le heimlich in Katalo­ni­en aufge­hal­ten und waren nicht an den Kampf­hand­lun­gen betei­ligt gewesen.

d) Anklä­ger (Staats­an­walt):
Briga­de-Auditor Enrique de Querol y Durán

3. Zeitge­schicht­li­che Einord­nung

Nach dem Sieg der republi­ka­ni­schen Partei­en in den spani­schen Kommu­nal­wah­len von 1931 wurde am 14. April die Zweite Republik ausge­ru­fen. Die neue Verfas­sung gewähr­te Katalo­ni­en eine weitge­hen­de Autono­mie mit der (Neu-)Gründung von Insti­tu­tio­nen der Selbst­ver­wal­tung, allen voran eine eigene Regie­rung – die Genera­li­tat de Catalunya – und ein Parla­ment. Zum ersten Präsi­den­ten der Genera­li­tat wurde 1932 Francesc Macià, Mitglied der ERC, gewählt. Nach Maciàs Tod im Dezem­ber 1933 folgte sein Partei­freund Compa­nys.
Als Antwort auf den reaktio­nä­ren Kurs der bürger­lich-konser­va­ti­ven Zentral­re­gie­rung in Madrid rief Compa­nys am 6. Oktober 1934 den unabhän­gi­gen katala­ni­schen Staat inner­halb einer (fikti­ven) „Bundes­re­pu­blik Spani­en“ aus (Fonta­na, S. 347; Preston, Guerra Civil, S. 89). Die Zentral­re­gie­rung ließ darauf­hin Compa­nys verhaf­ten; das Gericht verur­teil­te ihn zu dreißig Jahren Haft. Das katala­ni­sche Autono­mie­sta­tut wurde darauf­hin außer Kraft gesetzt.
Der Sieg der linken Volks­front im Febru­ar 1936 brach­te auch die Amnes­tie für Compa­nys und die Rückkehr der katala­ni­schen Selbst­ver­wal­tung mit sich. Es folgte eine Zeit der politi­schen Radika­li­sie­rung und Polari­sie­rung zwischen Links­par­tei­en und der faschis­ti­schen Falan­ge mit Gewalt­ak­ten auf beiden Seiten. Zwischen dem 17. und 18. Juli 1936 putsch­ten die Generä­le Emilio Mola, Gonza­lo Queipo de Llano, Miguel Cabanellas, Francis­co Franco, Manuel Goded und Joaquín Fanjul in unter­schied­li­chen Teilen des spani­schen Terri­to­ri­ums gegen die recht­mä­ßi­ge republi­ka­ni­sche Regie­rung. Der misslun­ge­ne Putsch löste einen bluti­gen Bürger­krieg aus. Compa­nys blieb der spani­schen Republik treu. Das Todes­ur­teil gegen den aufstän­di­schen General Goded in Barce­lo­na zu verhin­dern, gelang ihm nicht (Ossorio y Gallar­do, S. 204–206).
Compa­nys blieb fortan die Aufga­be, Katalo­ni­en in einer unmög­li­chen politi­schen Situa­ti­on zu regie­ren, die einer­seits durch den Krieg gegen das aufstän­di­sche faschis­ti­sche Lager und anderer­seits durch die Revolu­ti­on und eine zerstrit­te­ne, in Gewalt­ex­zes­sen versun­ke­ne Linke, bestehend aus Anarcho-Syndi­ka­lis­ten, Sozia­lis­ten und Kommu­nis­ten, gekenn­zeich­net war (Gonzà­lez i Vilal­ta, S. 23).
Als die Nieder­la­ge der Republik und die Beset­zung Katalo­ni­ens durch die franquis­ti­schen Truppen abseh­bar wurden, floh Compa­nys Ende Januar 1939 zusam­men mit Angehö­ri­gen der katala­ni­schen Regie­rung über die Pyrenä­en nach Frank­reich (Benet, S. 26–30). Dort ließ er sich zunächst in Paris nieder. Die franzö­si­sche Nieder­la­ge und die Beset­zung Frank­reichs durch Nazi-Deutsch­land erschwer­te das Los der republi­ka­ni­schen Flücht­lin­ge. Der spani­sche Botschaf­ter in Frank­reich bemüh­te sich um ihre Auslie­fe­rung an Spani­en. Am 13. August 1940 wurde Compa­nys in der breto­ni­schen Ortschaft La Baule von der Gehei­men Feldpo­li­zei auf Ersuchen der spani­schen Behör­den inhaf­tiert und an diese ausge­lie­fert, die ihn nach Madrid brach­ten (Benet, S. 196). Der spani­sche Innen­mi­nis­ter Ramón Serra­no Súñer, General Francos Schwa­ger, hatte in Berlin Druck für diese Auslie­fe­rung gemacht (Solé i Sabaté/Dueñas Iturbe, S. 173). Hier wurde Compa­nys in den Kerkern der Dirección General de Seguridad, an der Plaza del Sol, festge­hal­ten, wo er verhört, gedemü­tigt und gefol­tert wurde (Benet, S. 217–219, Solé i Sabaté/Dueñas Iturbe, S. 175). Später wurde er nach Barce­lo­na depor­tiert, wo er am 3. Oktober in der Festung Montjuïc eintraf.

Die separa­tis­ti­schen Tenden­zen im Basken­land und Katalo­ni­en sowie der starke Wider­stand gegen die franquis­ti­schen Truppen und die Bedeu­tung des Anarchis­mus in dieser Region recht­fer­tig­ten in den Augen der Faschis­ten eine unerbitt­li­che Repres­si­on. General José Millan Astray, ein militä­ri­scher Wegge­fähr­te General Francos, sprach in einer Rede am 12. Oktober 1936 von „zwei Krebs­ge­schwü­ren im Körper der Nation“, die durch den Faschis­mus besei­tigt würden (Preston, Botxins, S. 139; Preston, Guerra civil, S. 225).
Das Franco-Regime griff für die Repres­si­on auf zwei Rechts­mit­tel zurück: Das Militär­ge­setz­buch (sp. Código de justi­cia militar) von 1890 und das „Gesetz über politi­sche Verant­wor­tung“ (sp. Ley de responsa­bi­li­dades políti­cas), das General Franco bereits am 9. Febru­ar 1939, notabe­ne vor der Kapitu­la­ti­on der spani­schen Republik, erlas­sen hatte.
Die Putschis­ten münzten das seit 1931 auf die Republik angepass­te Militär­ge­setz­buch wieder auf die monar­chi­sche Versi­on um. Zusätz­lich erließ der rebel­li­sche General Miguel Cabanellas am 28. Juli 1936 eine Ergän­zung, wonach Delik­te gegen die öffent­li­che Ordnung, wie sie im gewöhn­li­chen Straf­ge­setz­buch aufge­lis­tet wurden – nament­lich Rebel­li­on, Aufruhr, Atten­tat, Wider­stand gegen die staat­li­che Autori­tät – fortan der militä­ri­schen Juris­dik­ti­on unter­stan­den, also im Sinne des Militär­ge­setz­buchs zu handha­ben waren (Benet, S. 423–425). Dies ermög­lich­te die schnel­le Aburtei­lung von Zivilis­ten durch die Militär­ge­richts­bar­keit, was aller­dings bereits in den ersten Monaten des Bürger­kriegs zu einer Überfor­de­rung der Militär­tri­bu­na­le durch die Tausen­de von Rebel­li­ons­kla­gen gegen Zivilis­ten führte. Hierfür wurden deshalb auch juris­ti­sche Laien für die Verwal­tung der Militär­jus­tiz einge­setzt (Marco, S. 192–194).
Die Rechts­pra­xis der aufstän­di­schen Faschis­ten kehrte den Begriff der Rebel­li­on um: Nicht sie waren die Rebel­len, sondern die Republi­ka­ner, die sich gegen die Putschis­ten zur Wehr gesetzt hatten.
Das Militär­ge­setz­buch von 1890 unter­schied zwei Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten für summa­ri­sche Verfah­ren: Erstens, die frische oder unmit­tel­ba­re Tat und, zweitens, die beson­de­re Art des Verbre­chens, d.h. wenn die Moral oder die Diszi­plin der Truppe, die Sicher­heit des Waffen­plat­zes oder die Unver­sehrt­heit von Gegen­stän­den und Perso­nen beein­träch­tigt wurden. Für die Repres­si­on im Lager der Aufstän­di­schen war der zweite Fall maßge­bend. Aufgrund des beschleu­nig­ten Charak­ters des Verfah­rens, des Fehlens von Rechten sowie der Vortei­le der Ankla­ge gegen­über der Vertei­di­gung galten summa­ri­sche Verfah­ren inner­halb der spani­schen Gerichts­pra­xis als dieje­ni­gen mit den wenigs­ten Garan­ti­en für den/die Angeklagte(n) (Prieto, Burgos-Prozess; Marco, S. 198–200).
Das Gesetz über politi­sche Verant­wor­tung verstand sich als Ergän­zung zur militär­ge­richt­li­chen Repres­si­on. Ziel des Geset­zes war es, insbe­son­de­re republi­ka­ni­sche Amtsträ­ger, die sich seit Oktober 1934 oder seit dem 18. Juli 1936 subver­siv gegen die staat­li­che Ordnung bzw. gegen die „natio­na­le Bewegung“ – sprich die Putschis­ten – durch Wider­stand oder starke Passi­vi­tät zur Wehr gesetzt hatten, zu säubern und diese mit unter­schied­li­chen Sanktio­nen wie Enteig­nung, Verban­nung oder Entzug der spani­schen Natio­na­li­tät zu bestra­fen (Marco, S. 217–218; Fonta­na, S. 367). Das Gesetz hatte also einen rückwir­ken­den Charak­ter.
Dieses Gesetz kam auch im Fall von Lluís Compa­nys in Abwesen­heit zur Anwen­dung. Mit dem Urteil vom 13. Dezem­ber 1939 wurde sein Hab und Gut beschlag­nahmt, ein lebens­läng­li­ches Berufs­ver­bot verhängt und der Regie­rung gemäß Artikel 9 der Entzug der spani­schen Natio­na­li­tät nahege­legt (Genera­li­tat, S. XXIV; Arxiu Nacio­nal de Catalunya, ANC1-471-T-87, 15. März 1940).

4. Ankla­ge

Am 14. Oktober 1940, um 10 Uhr morgens, begann die öffent­li­che Gerichts­ver­hand­lung des Verfah­rens Nr. 23.468 in einem dafür ausge­stat­te­ten Saal der Festung Montjuïc. Das Publi­kum – etwa dreihun­dert Perso­nen – bestand jedoch tatsäch­lich vornehm­lich aus Offizie­ren der Armee, Angehö­ri­gen der Falan­ge, Polizei­be­am­ten, wenigen ausge­wähl­ten Journa­lis­ten und etwa zwölf Frauen, darun­ter der Ehefrau des Staats­an­walts Querol (Solé i Sabaté/Dueñas Iturbe, S. 178 u. 182). Dem Angeklag­ten wurde militä­ri­sche Rebel­li­on im Sinne von Artikel 237 des Militär­ge­setz­buchs bezug­neh­mend auf seine Handlung in der Zeit vom 19. bis zum 21. Juli 1936 vorge­wor­fen, d.h. sein Verhal­ten gegen­über General Goded und den aufstän­di­schen Truppen unter dessen Komman­do. Der Staats­an­walt machte den straf­ver­schär­fen­den Umstand der „Perver­si­tät des Angeklag­ten“ laut Artikel 173 geltend und verlang­te gemäß Artikel 238, Absatz 2 die Todes­stra­fe. Hierfür wurden seine durch Denun­zia­tio­nen in Erfah­rung gebrach­ten Liebes­af­fä­ren, seine juris­ti­sche Tätig­keit als Vertei­di­ger von Anarchis­ten, seine Freund­schaf­ten zu Gewerk­schaf­tern und seine vielen Gefäng­nis­stra­fen zitiert. In seinen Ausfüh­run­gen verwies der Staats­an­walt auf diver­se schrift­li­che Zeugen­aus­sa­gen von Militärs, die sich zum Zeitpunkt der zur Last geleg­ten Taten in Katalo­ni­en befan­den (Benet, S. 303–314).

5. Vertei­di­gung

Als Rechts­an­walt, der Lluís Compa­nys ursprüng­lich war, hatte er das Gericht darum ersucht, seine Vertei­di­gung selbst überneh­men zu dürfen, was aufgrund seines Status als Zivilist abgelehnt wurde.
Den Befehl, Compa­nys zu vertei­di­gen, erhielt Haupt­mann Colubí am späten Abend des 8. Oktobers. Gemäss Artikel 658 des Militär­ge­setz­bu­ches von 1890 standen im summa­ri­schen Eilver­fah­ren (sp. proce­di­mi­en­to sumarí­si­mo) der Vertei­di­gung drei Stunden für die Akten­ein­sicht zu; diese ging dann nahtlos in die Gerichts­ver­hand­lung über (Marco, S. 201–202).
Colubí eröff­ne­te sein Plädoy­er mit einer persön­li­chen Aussa­ge. Als Angehö­ri­ger des aufstän­di­schen Lagers in Katalo­ni­en war er nach dem fehlge­schla­ge­nen Putsch­ver­such verhaf­tet worden. Nur durch das Eingrei­fen Compa­nys‘ in jener Zeit des Chaos und der Wut der Massen hatte Colub­ís Leben sowie das von weite­ren 250 bis 300 Militärs und Zivilis­ten geret­tet werden können, indem seine Todes­stra­fe in eine dreißig­jäh­ri­ge Haftstra­fe umgewan­delt worden war.
Colubí fügte hinzu, dass sich Compa­nys als Präsi­dent der Genera­li­tat stets bemüht hatte, das Los der verhaf­te­ten Aufstän­di­schen zu erleich­tern. Unter diesen Umstän­den, plädier­te der Vertei­di­ger, mildern­de Umstän­de im Sinne von Artikel 9 des gewöhn­li­chen Straf­ge­setz­buchs geltend zu machen und dem Gericht eine Haftstra­fe von zwanzig Jahren nahezu­le­gen.
In seiner Schluss­re­de entlas­te­te Compa­nys das Gericht bei einer allfäl­li­gen Todes­stra­fe und beton­te die Verant­wor­tung als Präsi­dent der Genera­li­tat und als Vorsit­zen­der der ERC für seine eigenen Taten und dieje­ni­gen seiner Mitar­bei­ter.
Um elf Uhr morgens wurde das Verfah­ren abgeschlos­sen und die Richter zogen sich zur Beratung zurück. Das Eilver­fah­ren hatte somit nur eine Stunde gedau­ert.

6. Urteil

Noch am selben Tag wurde das Urteil gefällt, das auf die Argumen­te und die Forde­rung des Staats­an­walts einging. Das Gericht verhäng­te die Todes­stra­fe. Das Urteil wurde dem General­ka­pi­tän der IV Militär­re­gi­on, General Luis Orgaz, vorge­legt, der es bestä­tig­te.
Ferner war ein Gnaden­ge­such seit dem Zirku­lar­schrei­ben vom Januar 1940 recht­lich nicht mehr möglich, da Mitglie­der der republi­ka­ni­schen Regie­rung, Abgeord­ne­te und Inhaber anderer Ämter der Republik von diesem Recht nicht mehr Gebrauch machen durften. Das Urteil war somit rechts­kräf­tig.
Am darauf folgen­den Morgen, kurz nach sechs Uhr, wurde Lluís Compa­nys i Jover im Festungs­gra­ben von Santa Eulàlia von einem Komman­do, bestehend aus Solda­ten des Heeres, erschos­sen. Er verzich­te­te auf die Augen­bin­de und rief vor der Hinrich­tung: „Per Catalunya!“ („Für Katalo­ni­en“).

7. Wirkung und Wirkungs­ge­schich­te

Der Prozess und die Hinrich­tung veran­ker­ten sich im kollek­ti­ven Gedächt­nis Katalo­ni­ens. Der Fall gilt als eines der Haupt­ver­bre­chen des Franquis­mus und reiht sich als Justiz­far­ce in das Reper­toire der antire­pu­bli­ka­ni­schen und antika­ta­la­ni­schen Repres­si­on ein: Vom 20. Febru­ar 1939 bis zur Hinrich­tung Compa­nys‘ wurden in Katalo­ni­en 2.761 Perso­nen erschos­sen (Benet, S. 427–434). Wird die Zeitspan­ne bis zum Jahr 1943 berück­sich­tigt, so zählt man allein für die Provinz Barce­lo­na bis zu 54 Massen­grä­ber mit insge­samt 4.000 Leichen (Preston, Botxins, S. 21). Zu diesem syste­ma­ti­schen Massen­mord gesell­te sich eine sprach­li­che und kultu­rel­le Unter­drü­ckung, wonach der Gebrauch der katala­ni­schen Sprache aus der Öffent­lich­keit verbannt wurde.
Doch selbst im franquis­ti­schen Lager betrach­te­te man die Aburtei­lung des katala­ni­schen Präsi­den­ten als eine unklu­ge Maßnah­me, wodurch dem katala­ni­schen Natio­na­lis­mus ein Märty­rer beschert, oder der Akt als extre­me Gewalt gegen einen moralisch integren Gegner inter­pre­tiert wurde.

8. Würdi­gung

Mit der Demokra­ti­sie­rung Spani­ens nach 1975 und der Neuschaf­fung der katala­ni­schen Autono­mi­e­in­sti­tu­tio­nen erstark­te auch der öffent­li­che Kult um die Person Lluís Compa­nys, der hagio­gra­phi­sche Züge annahm. Eine der Pracht­stra­ßen Barce­lo­nas wurde 1979 in Passeig Lluís Compa­nys umbenannt und in praktisch jeder Gemein­de Katalo­ni­ens erinnern Straßen und Plätze an ihn. Am 27. Oktober 1985 wurden die sterb­li­chen Überres­te Compa­nys‘ in einer vom katala­ni­schen Präsi­den­ten Jordi Pujol gelei­te­ten feier­li­chen Zeremo­nie in ein spezi­ell erbau­tes Mauso­le­um auf dem Fried­hof Montjuïc überführt (Benet, S. 371). Das Olympia-Stadi­on in Barce­lo­na trägt seit 2001 ebenfalls seinen Namen. Kranz­nie­der­le­gun­gen durch den jewei­li­gen amtie­ren­den Präsi­den­ten der Genera­li­tat in der Festung Montjuïc am Todes­tag gehören zu einem weiten Reper­toire an Tradi­tio­nen, die Compa­nys den Status eines lieu de mémoi­re verlei­hen.
Auch in der Filmbran­che fand eine histo­ri­sche Aufar­bei­tung statt. Im Jahre 1979 erschien unter der Regie von Josep Maria Forn «Compa­nys, proce­so a Cataluña» (dt. Compa­nys, Prozess gegen Katalo­ni­en). Der katala­ni­sche Sender TV3 produ­zier­te 2015 den Spiel­film «13 dies d’octubre» (dt. 13 Tage im Oktober) von Carlos Marqués-Marcet. Beide Filme zeigen Compa­nys‘ letzte Tage bis zu seiner Hinrich­tung.
Bereits seit den 1990er Jahren wurden in der ERC, der Partei Compa­nys‘, Stimmen laut, die eine Rehabi­li­tie­rung ihres einsti­gen Partei­vor­sit­zen­den und eine Aufhe­bung des Urteils forder­ten. Minis­ter­prä­si­dent Pedro Sánchez ließ im Dezem­ber 2018 verlaut­ba­ren, dass Compa­nys Anerken­nung und Würde zurück­er­langt habe und dass die Regie­rung das militär­ge­richt­li­che Verfah­ren als für nicht recht­mä­ßig hielt (El Diario, 22. Dezem­ber 2018). Indes­sen steht eine formel­le Rehabi­li­tie­rung noch aus, wofür eine Geset­zes­re­form nötig ist.
Das zusätz­li­che Erstar­ken des politi­schen Kampfes für ein unabhän­gi­ges Katalo­ni­en seit den 2010er Jahren und insbe­son­de­re das Handeln des frühe­ren katala­ni­schen Präsi­den­ten Carles Puigde­mont mithil­fe des Unabhän­gig­keits­re­fe­ren­dums vom 1. Oktober 2017, die einst­wei­lig ausge­setz­te Ausru­fung der Unabhän­gig­keit in der Plenar­sit­zung des katala­ni­schen Parla­ments vom 10. Oktober und die unila­te­ra­le Erklä­rung der Unabhän­gig­keit als Reakti­on auf die Anwen­dung des Artikels 155 der spani­schen Verfas­sung am 27. Oktober, wonach die katala­ni­sche Autono­mie außer Kraft gesetzt und der Präsi­dent der Genera­li­tat seines Amtes entho­ben wurde, zeigen, wie sehr der Fall Compa­nys noch immer präsent ist.
Am 9. Oktober 2017 warnte der damali­ge stell­ver­tre­ten­de Vorsit­zen­de der regie­ren­den konser­va­ti­ven Parti­do Popular, Pablo Casado, den katala­ni­schen Präsi­den­ten davor, densel­ben Weg wie Lluís Compa­nys zu beschrei­ten. Kurz darauf sah sich Casado gezwun­gen, seine Aussa­ge zu berich­ti­gen: gemeint war nicht die Erschie­ßung Compa­nys‘ im Jahre 1940, sondern seine Verhaf­tung und Verur­tei­lung 1934, als er den katala­ni­schen Staat ausrief (La Vanguar­dia, 9. Oktober 2017).
Als Puigde­mont nach seiner Flucht ins Exil am 26. März 2018 in Schles­wig-Holstein aufgrund eines inter­na­tio­na­len Haftbe­fehls verhaf­tet wurde, melde­te sich der Politak­ti­vist Julian Assan­ge via Twitter und beschwor eine Analo­gie zwischen der Auslie­fe­rung Compa­nys‘ durch die Nazis an Franco-Spani­en und dem aktuel­len Auslie­fe­rungs­be­geh­ren für Puigde­mont. Ein ganz anderes Bild des katala­ni­schen Politi­kers zu vermit­teln, versucht eine den Unabhän­gig­keits­be­stre­bun­gen feind­lich gesinn­te, katho­lisch-natio­nal­kon­ser­va­ti­ve Publi­zis­tik (z. B. die des Philo­so­phen Javier Barray­coa). Hier ist die Rede von Compa­nys als Henker und Haupt­ver­ant­wort­li­chem für den roten Terror während des Bürger­kriegs.
Sieben Jahre nach Compa­nys‘ Hinrich­tung verfass­te der chile­ni­sche Dichter Pablo Neruda sein Gedicht «Canto en la muerte y resur­rección de Lluís Compa­nys» (dt. Lied auf den Tod und die Aufer­ste­hung von Lluís Compa­nys). Neruda würdig­te den Hinge­rich­te­ten vor allem als republi­ka­ni­schen Politi­ker, als Katala­nen, dessen Nimbus auch auf Spani­en ausstrahlt, den er mit Feder­i­co García Lorca vergleicht (Gonzà­lez i Vilal­ta, S. 18–19). Diese Inter­pre­ta­ti­on weicht von Compa­nys‘ späte­re­rer Deutung als katala­ni­schem Opfer der spani­schen Dikta­tur ab. Als 1977 der Exil-Präsi­dent der Genera­li­tat, Josep Tarra­dellas, ein politi­scher Wegge­fähr­te und Partei­kol­le­ge Compa­nys, mit dem Segen der spani­schen Regie­rung provi­so­risch die Nachfol­ge Compa­nys antrat, knüpf­te man an eine republi­ka­ni­sche, präfran­quis­ti­sche Tradi­ti­on an, während der spani­sche Übergang zur Demokra­tie sich durch nahtlo­se Refor­men des franquis­ti­schen Staats­ap­pa­ra­tes und Kompro­mis­se wie die Annah­me der Monar­chie als Staats­form durch die opposi­tio­nel­len Partei­en – allen voran die Sozia­lis­ten – kennzeich­ne­te. Der Kult um Lluís Compa­nys in Katalo­ni­en dürfte auf die stärker verwur­zel­te republi­ka­ni­sche Tradi­ti­on dieser Region und deren Wahrneh­mung als von den Franco-Truppen besetz­tes Land zurück­zu­füh­ren sein. Compa­nys bleibt bis heute eine ambiva­len­te histo­ri­sche Persön­lich­keit, die für Spannung zwischen linken und rechten, zwischen Befür­wor­tern der Unabhän­gig­keit und Gegnern sorgt. Am 15. Oktober 2019, anläss­lich des Gedenk­ta­ges für Compa­nys, verwei­ger­te die Sozia­lis­ti­sche Partei Katalo­ni­ens ihre Teilnah­me mit der Begrün­dung, der Anlass würde seitens der Unabhän­gig­keits­be­für­wor­ter für ihre politi­schen Ziele missbraucht (El Español, 15. Oktober 2019). Am Vortag hatte das Höchs­te Gericht zwölf katala­ni­sche Politi­ker und Aktivis­ten z.T. wegen Rebel­li­on, Ungehor­sams und Verun­treu­ung im Zusam­men­hang mit dem Unabhän­gig­keits­re­fe­ren­dum vom 1. Oktober 2017 zu Freiheits­stra­fen von neun bis dreizehn Jahren verur­teilt.

9. Litera­tur (Auswahl)

Arxiu Nacio­nal de Catalunya, FONS ANC1-471, Tribu­nal Regio­nal de Responsa­bi­li­tats políti­ques de Catalunya-Barce­lo­na.

Anular la conde­na a Compa­nys y los juici­os del franquis­mo: ¿cómo, cuándo y para qué?, El Diario, 22. Dezem­ber 2018, https://www.eldiario.es/sociedad/Anular-condena-Companys-juicios-franquismo_0_849015508.html.
Benet, Josep: La mort del presi­dent Compa­nys, 1998.
El PP blande el Código Penal y recuer­da a Puigde­mont que puede acabar como Compa­nys, La Vanguar­dia, 9. Oktober 2017, https://www.lavanguardia.com/politica/20171009/431922539247/pp-puigdemont-acabar-lluis-companys-dui.html.
Fonta­na, Josep: La formació d’una identi­tat. Una histò­ria de Catalunya, 2014.
Genera­li­tat de Catalunya (Hrsg.), Consell de guerra i condem­na a mort de Lluís Compa­nys, Presi­dent de la Genera­li­tat de Catalunya (octub­re de 1940), edició facsí­mil, 1999 [Faksi­mi­le-Ausga­be sämtli­cher Gerichts­ak­ten].
Gonzà­lez i Vilal­ta, Arnau: Lluís Compa­nys. Un home de Govern, 2009.
Un llibre revela el paren­tiu entre Compa­nys i Colubí, El Punt Avui, 8. Oktober 2015, http://www.elpuntavui.cat/politica/article/17-politica/903366-un-llibre-revela-el-parentiu-entre-companys-i-colubi.html.
Marco, Jorge: “Debemos conde­nar y conde­na­mos”… Justi­cia militar y repre­sión en España (1936–1948), S. 190–229, in: Julio Aróste­gui (Hrsg.), Franco: la repre­sión como siste­ma, 2012.
Ossorio y Gallar­do, Ángel: Vida y sacri­fi­cio de Compa­nys, 2010.
Poblet, Josep M.: Vida i mort de Lluís Compa­nys, 1976.
Preston, Paul: Botxins i repres­sors. Els crims de Franco i dels franquis­tes, 2006.
Preston, Paul: La Guerra Civil españo­la, 2006.
Prieto, Moisés: Der Burgos-Prozess (1970), in: Groenewold/ Ignor / Koch (Hrsg.), Lexikon der Politi­schen Straf­pro­zes­se, http://www.lexikon-der-politischen-strafprozesse.de/glossar/burgos-prozess-1970/, letzter Zugriff am 24. August 2019.
El PSC ‘pasa’ del acto ante la tumba de Compa­nys, El Español, 15. Oktober 2019, https://cronicaglobal.elespanol.com/politica/psc-pasa-acto-tumba-companys_283710_102.html.
Sole i Sabaté, Josep Maria und Oriol Dueñas Iturbe: El franquis­me contra Esquer­ra. Els alcal­des i diputats afusel­lats d’Esquerra Republi­ca­na de Catalunya, 2007.
Tusell, Javier: Los grandes proce­sos penales de la época de Franco. Desde la posguer­ra a Grimau y el proce­so de Burgos, S. 485–493, in: Muñoz Macha­do (Hrsg.), Los grandes proce­sos de la histo­ria de España, 2002.

 

Moisés Prieto                                                            Dezem­ber 2019

 

Moisés Prieto ist am Lehrstuhl für Europäi­sche Geschich­te des 19. Jahrhun­derts an der Humboldt-Univer­si­tät zu Berlin tätig. Forschungs­schwer­punk­te sind die Dikta­tur im 19. und 20. Jahrhun­dert, die Migra­ti­ons- und die Medien­ge­schich­te sowie die Geschich­te der Emotio­nen. Er ist Koautor von «Tele-revis­ta y la Transi­ción» (Iberoamericana/Vervuert 2015) und publi­ziert in diver­sen Zeitschrif­ten. 2016 bis 2018 Forschungs­sti­pen­di­at der Stiftung Alexan­der von Humboldt.

 

Prieto, Moisés: Militär­pro­zess gegen Lluís Compa­nys, in: Groenewold/ Ignor / Koch (Hrsg.), Lexikon der Politi­schen Straf­pro­zes­se, https://www.lexikon-der-politischen-strafprozesse.de/glossar/companys-lluis-i-jover/ , letzter Zugriff am TT.MM.JJJJ.